Ich habe mein Stück Der Stellvertreter als "christliches Trauerspiel" angelegt. Am 20. Februar 1963 wurde das Werk in fünf Akten, in dem ich die Verwicklung des Vatikans in den Holocaust thematisierte, in Westberlin an der Freien Volksbühne uraufgeführt. Erwin Piscator führte Regie: ein Skandal, der zu internationalen Verwicklungen führte. In Basel und New York gab es Fackelzüge gegen das Stück. In Paris, wo es mehr als doppelt so oft gespielt wurde wie in der gesamten Bundesrepublik, konnte ebenso wie in Basel nur bei Licht gespielt werden. Immer war die Polizei nicht nur vor dem Theater, sondern auch auf der Bühne präsent, um die Schauspieler zu schützen.

Was mein Motiv war, dieses Stück zu schreiben? – Ganz einfach die Frage, die seit 1945 sich jeder hätte stellen können: Wie konnte ausgerechnet der Mensch zum Judenmord den Mund halten, der sich zweifellos selber als Stellvertreter Gottes auf Erden sah? Das fragten sich viele. Aber ich war es, der sich die Frage als Erster öffentlich stellte.

Im Vatikan sah sich Staatssekretär Montini, zur "Untatzeit" höchster Außenpolitiker von Pius XII. und später dann zum Papst Paul VI. erkoren, zur Ausrede veranlasst, ein Protest gegen die Deportationen hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Hannah Arendt, deren Essay in der New York Times ich allein verdanke, dass mein Stück am Broadway möglich wurde, überlieferte, der Nachfolger von Pius, Johannes XXIII., habe auf die Frage, was man gegen den "Stellvertreter" tun könne, lapidar geantwortet: "Nichts, gegen die Wahrheit kann man nichts tun."

Ich werde immer wieder gefragt, ob das Stück nicht zu radikal angelegt war. Würde ich es beim heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand gemäßigter verfassen? Sicher nicht. Ich müsste schon deshalb das Stück heute radikaler schreiben, weil inzwischen durch vorwiegend polnische Veröffentlichungen bekannt ist, dass der Vatikan durch die dortigen Priester noch viel genauer informiert war, als ich 1960, während meiner Studien in Rom, hatte erfahren können.