Die Stimme des Priesters, den ich seit ein paar Wochen kenne und mit dem ich ein Jahr verbringen soll, hallt noch wider von der Kirchendecke. Franziskus sitzt mir gegenüber, rechts von uns steht der Altar, über dem der Jesus hängt, links die leeren Kirchenbänke. Gerade hat der Priester mir erzählt, dass er fünfmal am Tag betet und das eigentlich zu wenig ist. Er spricht dabei zu Gott, der gleichzeitig allmächtig und barmherzig sein soll. Das, denke ich, widerlegen zahlreiche Beispiele. Welches nehme ich nur? "Was ist mit den Menschen, die im Mittelmeer ertrunken sind?", frage ich – und warte. Ich schaue ihn an, den Priester – groß, schlank, 39 Jahre alt und eine beinahe rahmenlose Brille auf der Nase. Wie will er mir erklären, dass sein Gott Frauen und Kinder ertrinken lässt? Und wie, dass er, Franziskus von Boeselager, diesem Gott sein Leben verschrieben hat?

Als Journalistin in Berlin habe ich normalerweise nichts mit Kirche und Glauben zu tun. Jetzt aber begleite ich ein Jahr einen, der dafür alles gegeben hat: Franziskus, einen Priester. Seit Ende April verbringe ich etwa zwei Wochen im Monat in Roxel, einer Dorfidylle im Westen Münsters, wo er lebt und arbeitet. Mein Hotel liegt eine Minute vom Pfarrhaus, eine von der Kirche entfernt. Auf dem Blog "Valerie und der Priester" schreibe ich über seinen und unseren Alltag. Die Idee: zwei Lebensrealitäten einander begegnen lassen. Die Lebensrealität derer, die die Kirche für ein Museum veralteter Ideen halten, und derer, die alles für Gott geben, weil ihnen der Glaube so viel gibt.

"Valerie und der Priester" ist ein Projekt der katholischen Kirche, durchgeführt vom Zentrum für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz. Der Ideengeber ist Erik Flügge, Geschäftsführer der Kölner Agentur "Squirrel and Nuts" für politische Strategieberatung. Als ich das erste Mal mit Erik Flügge telefonierte, lag vor mir ein Zettel mit Stichpunkten, die mir zur katholischen Kirche in Deutschland einfielen. Es waren nicht viele: Missbrauchsskandal, kein Sex, Umgang mit Homosexuellen und Tebartz-van Elst, der Bischof mit der goldenen Badewanne. Es war nur Negatives. Ich fragte Erik: "Wenn ich mitmache, was darf ich fragen?" – "Alles", antwortete er. "Die Bedingung ist: Du musst ein Jahr durchhalten – und das Gespräch aufrechterhalten." Ich sagte zu. Was ich nicht wusste: dass ein Gespräch führen frustrierend werden kann, wenn man aus Perspektiven mit verschiedenen Weltsichten spricht.

In Berlin lebe ich eines dieser typischen zwanglosen Mittzwanzigerleben, in dem Vater, Sohn und Heiliger Geist keine Rolle spielen. Ich bin Feministin und eher im linksliberalen Milieu unterwegs. Klingt erst mal wie das Gegenteil von katholisch. Zwar war ich auf einem katholischen Gymnasium und bin evangelisch konfirmiert, aber nur, weil meine Eltern das für eine gute Idee hielten.

Franziskus von Boeselager wurde vor drei Jahren zum Priester geweiht. Da hat er sich den weißen Kragen, das Kollar, unter den Hemdkragen gesteckt, versprochen, fünfmal am Tag zu beten, aber niemals eine Familie zu gründen. Er hat sich entschieden, den Blog während des Jahres nicht zu lesen: Nur so kann ich ohne Rücksicht schreiben, was ich denke, und er kann authentisch bleiben.

Franziskus und ich sind, sagen wir, verschieden: Die Apps auf seinem Smartphone sind als Kreuz angeordnet. Mein Bildschirmschoner ist ein Sticker, der das Tanzverbot an kirchlichen Feiertagen kritisiert. Die sogenannte Anbetung gehört für Franziskus zu den besten Momenten im Alltag. Das heißt: Nach vorne auf die geweihte Hostie schauen, von der viele bis die meisten Katholiken glauben, dass es der Leib Christi ist. In absoluter Stille. Für mich sieht der beste Moment so aus: leicht angetrunken im Club vor der Box stehen, der Bass so laut, dass er im Herzen ankommt.

Franziskus hatte, bis er Mitte 20 war, ein ganz normales Studierendenleben mit Freunden, Freundinnen und Alkoholabstürzen. Er war sogar DJ. Das hat er aufgegeben. Er hat sich – aus meiner Perspektive – für ein Leben im Verzicht entschieden. Ich frage mich, warum.

In einem unserer ersten Gespräche erzählte Franziskus mir, dass eine der großen Fragen für ihn ist, warum Menschen nicht glauben. Er akzeptiere das, klar. Und weiß auch, dass es das gibt. Aber er versteht es nicht. Er sehe sich um, sehe die Liebe zwischen Menschen, die Sonne zwischen orangefarbenen Herbstblättern und frage sich: Seht ihr das nicht, seht ihr nicht Gott?

Wir begannen mit Unverständnis auf beiden Seiten.