Sophie Burgdorf, 30, ist Lehrerin für Deutsch und Philosophie in Pinneberg. Dieses Jahr hat sie zum ersten Mal das Abitur abgenommen.

Am meisten Angst hatte ich vor der Stille. Dass jemand in der mündlichen Abi-Prüfung vor mir sitzt und einfach nicht mehr weiterweiß. Dass er verzweifelt und ich ihm nicht helfen kann. Klar kann man Rettungsringe auswerfen: Fragen stellen, Zitate bringen. Aber wenn die nicht aufgegriffen werden, bin ich nahezu machtlos. Es war meine Horrorvorstellung, dass ich jemanden aus Versehen in der Prüfung durch allzu knifflige Fragen unglücklich mache. Dafür ist das Abitur einfach zu wichtig.

Seit fast zwei Jahren unterrichte ich Deutsch und Philosophie an der Johann-Comenius-Schule Thesdorf in Schleswig-Holstein. Es ist meine erste Stelle nach dem Referendariat. Im Herbst habe ich erfahren, dass ich zum ersten Mal das Abitur abnehmen werde: Zweitkorrektur der Deutschklausuren und mündliche Prüfungen in Philosophie.

Unsere Schule hat eine Profiloberstufe, das heißt für meine Fächer, die Schüler können selbst entscheiden, ob sie Deutsch oder Philosophie für ihre Prüfung wählen. Ich habe gewarnt, Philosophie nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Es ist kein Laberfach. Die Schüler haben dann mit meiner Hilfe Themen entwickelt. Es war schön zu sehen, wie sie sich damit auseinandergesetzt haben und wie es in ihnen gearbeitet hat. Und trotzdem habe ich manchmal gedacht: Um Gottes willen, es wächst mir über den Kopf.

Die letzten beiden Wochenenden vor der Prüfungsphase bin ich zu meinen Eltern aufs Land gefahren und habe Samstag und Sonntag komplett durchgearbeitet. Ich habe für jeden Schüler einen fiktiven Gesprächsverlauf geschrieben. Was könnte er sagen und was sollte ich dann fragen? Welche Hinweise gebe ich, wenn keine Antwort kommt?

Aber erst mal kam das schriftliche Abi. Die Deutschklausuren habe ich vor allem an einem langen Wochenende korrigiert. Ich bin extra mit dem Auto zur Schule gefahren, um sie abzuholen, und habe sie in eine Plastikmappe gesteckt, damit sie geschützt sind. Das war vielleicht etwas übertrieben, aber mir sind schon einmal Klassenarbeiten im Regen feucht geworden. Den Kaffee habe ich ins Regal gestellt statt auf den Schreibtisch, damit bloß nichts passiert. Für jede Arbeit habe ich drei Stunden gebraucht: Verstehen, korrigieren und dann meine Bemerkungen aufschreiben. Man muss da sehr genau sein, kann nicht einfach "fehlerhaft" an den Rand schreiben. Ich musste auch einen anderen Rotstift benutzen als der Erstkorrektor. Es ist beruhigend, wenn beide Korrigierende einer Meinung sind. Ich hätte es anmaßend gefunden, als jemand, der die Prüflinge nicht kennt, zu einer ganz anderen Einschätzung zu kommen, aber natürlich hätte ich das sagen müssen.

Am Tag der mündlichen Prüfungen hatten wir um 7.30 Uhr eine Dienstbesprechung. In der Schule war eine ganz andere Atmosphäre als sonst, sehr ruhig, sehr feierlich. Die meisten Schüler hatten ja schulfrei. Alle anderen waren festlich gekleidet, ich auch, mit Blazer.

Meine erste Prüfung fand um 10.30 Uhr statt, es war eine Präsentationsprüfung, das heißt, die ersten zehn Minuten sind ein Vortrag, und ich hatte gleich das Gefühl: Die Kandidatin steckt drin im Thema. In dem Moment ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Ich wusste: Es kann nicht mehr so viel schiefgehen. Schon bevor die Besprechungszeit anfing, bevor ich die ersten Kommentare meiner Kollegen gehört habe, war ich mir ziemlich sicher, dass wir ihr eine gute Note geben können. Meine Kollegen sahen das genauso. Das war ein sehr schöner Einstieg.