Alles nur Spaß? "Ich bitte Sie, diesen Spaß sehr, sehr, sehr ernst zu nehmen", appelliert Roland Düringer in einer fiktiven Videopressekonferenz an all die "selbst ernannten Eliten", die in ihm nur einen politischen Clown sehen wollen. Er trägt, ganz Benzinbruder, der er ist, Mechanikerkluft, sein Rednerpult hat er in einer Garage inmitten von Motocross-Maschinen aufgebaut. Es scheint, seine neue Partei G!LT hat gerade einen Erfolg, gleich welchen, errungen, und nun wendet sich der 53-jährige Parteigründer an die Öffentlichkeit, um neun Minuten lang sämtliche Politikphrasen, derer er habhaft werden konnte, aneinanderzureihen. Natürlich erschließt sich nicht, wohin sein "Kunstprojekt" führen soll – nur so viel hat er vorläufig der Welt mitzuteilen: "Seid’s doch bitte ned deppert, scheißt’s euch ned an, und lasst euch von der Liebe leiten!" Auch ein politisches Programm.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 41 vom 29.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Es sind in Österreich bereits 1050 Parteien registriert, insofern sind die Statuten, die Roland Düringer vergangene Woche beim Innenministerium hinterlegt hat, nur ein zusätzlicher Weltverbesserungsvorschlag, der wie viele Hunderte andere auch in der Registratur verstauben wird. Der Zausel mit den in den Bart geflochtenen Holzperlen lässt die Welt gerne rätseln, wonach ihm der Sinn steht. In allem, was er tue, sei er sehr authentisch, meinen seine Freunde aus früheren Kabaretttagen. Er verstelle sich nie, spiele nicht, sondern sei einfach er selbst. Als Brachialkomiker hatte er mit dröhnenden Prolopointen die größten Säle des Landes gefüllt, auf dem Höhepunkt der Kabarettfilmwelle hatte er in einem der erfolgreichsten österreichischen Streifen (Hinterholz 8) Pleite, Pech und Pannen eines Häuslbauers so glaubhaft verkörpert, dass es für die Baumarktketten geschäftsschädigend gewesen sein muss.

Düringer war immer laut, aufbrausend, ein wenig einfältig und vom Scheitern ewig verfolgt – eine ideale Identifikationsfigur für ein Massenpublikum, in dem sich zunehmend dumpfer Zorn über die Zustände aufstaute. In der letzten Ausgabe der TV-Satire-Serie Dorfers Donnerstalk gab er vor fünf Jahren allen mit seiner Wutbürgerrede eine Stimme. In den sozialen Netzen wurde die überschäumende Tirade zu einem Hit. In ihr steckt bereits der Nukleus von Düringers Protestpartei.

Kurze Zeit nach seinem cholerischen Ausbruch nahm der Berserker eine wundersame Wandlung mit sich vor. Er brach mit seinem Dasein als polternder Massenunterhalter, stieg aus, flocht sich Perlen in den struppigen Kinnbart, wurde Aussteiger ohne Computer, Mobiltelefon, Plastikgeld oder TV-Gerät und übersiedelte schließlich sogar aus seinem Haus in einen 28 Quadratmeter großen Wohnwagen mit Trocken-WC. Beseelt von missionarischem Eifer, predigte er nun überall Bedürfnislosigkeit und wollte der Welt als anschauliches Beispiel für ein genügsames Leben dienen. In einem Videoblog (bisher 273 Folgen) verkündete der seltsame Heilige seine oft krausen Einsichten, übte sanfte Kapitalismuskritik und beglückte das Land mit ökosozialen Schmonzetten. Bloß seine Stimme wurde leider immer weniger gehört, auch der langatmigen Talkshow, die dieser Vorstadt-Savonarola im Privatfernsehen bestritt, gelang es nicht, das Land aufzurütteln.

Mit seiner Parteigründung ist Düringer nun zumindest ein Publicity-Coup gelungen. Völlig offen lässt der Schelm, ob er tatsächlich vorhat, bei Wahlen anzutreten. Zwar dementiert er, dass ihm die Cinque-Stelle-Bewegung des italienischen Komikers Beppe Grillo als Vorbild diene, doch seine Anhänger in den sozialen Netzen (der Meister verkehrt mit seinen Jüngern vor allem via Facebook und YouTube) haben das Zeug dazu, als Austro-Grillini in der österreichischen Politik umzurühren und den etablierten Parteien, vor allem den Freiheitlichen, einige Prozent der Stimmen zu kosten. "Es geht darum, dass wir denen was wegnehmen", erklärte er in seiner Parteiproklamation. Die Rechnung könnte aufgehen.