Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Der Aargauer Verleger Peter Wanner hat unlängst einen medienpolitischen Versuchsballon steigen lassen. Wie wäre es, fragte er vor einer Parlamentskommission, wenn man den Privaten, also unter anderem ihm, 100 Millionen Franken aus dem Gebührentopf überlassen würde, damit sie ein neues, tolles regionales Fernsehen für die Deutschschweiz lancieren könnten? Nun bin ich der Erste, der eine Konkurrenz für die SRG unterstützen würde. Aber ich weiß auch, wer bei dieser Wanner-Idee bluten müsste: Wir Tessiner – und das geht gar nicht.

Die 100 Millionen Franken müssten nämlich irgendwo eingespart werden. Was liegt da aus Deutschschweizer Sicht näher, als den Verteilschlüssel der Gebührengelder zu überarbeiten, von dem das Tessin überdurchschnittlich stark profitiert?

Die 200 Millionen Franken sind aber mehr als nur ein Budgetbatzen für unser Radio und Fernsehen, die RSI. Sie sind der föderalistische Beitrag zur Verteidigung unserer Kultur, auf die wir ein Anrecht haben.

Die Schweiz wäre nicht die Schweiz ohne ihre italienischsprachige Minderheit. Und Kultur ist anthropologisch betrachtet das wichtigste Gut, um den Zusammenhalt, um die Identität zu sichern.

Die RSI spielt dabei über das Tessin hinaus eine außerordentlich wichtige Rolle.

Das habe ich schon früh erkannt und die RSI deshalb vor acht Jahren öffentlich scharf kritisiert und gefordert. Manchmal muss man etwas angreifen, um es zu bewahren.

Selten hat eine meiner Interventionen im öffentlichen Leben im Tessin ein derartiges Echo ausgelöst. Es entstand eine lebhafte Debatte über die Zukunft und die Rolle unseres Radios und Fernsehens. Aber es passierte: nichts.

Das Problem der RSI ist ihre Unausgewogenheit. Zu viele der Journalisten, die dort arbeiten, denken links. Das ist ihr gutes Recht, niemand von uns ist objektiv – und Journalisten sind keine Roboter. Aber die Ideologie, die in den Sendungen der RSI verbreitet wird, hat kaum etwas mit der politischen Einstellung der Mehrheit der Tessiner zu tun. Die Haltung der Zuschauer kommt zu selten zur Sprache – und deshalb wird der Ärger über unser Radio und Fernsehen immer größer. Die Anstalt muss sich endlich reformieren.

Die kritische Einstellung vieler Tessiner gegenüber der RSI hat sich zuletzt im Juni 2015 gezeigt. Unser Kanton hat die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes abgelehnt. Die Leute wollten die RSI nicht länger unterstützen, weil sie das Gefühl haben: Radio und Fernsehen sind vor allem dazu da, um die Privilegien seiner 1.000 Mitarbeiter zu sichern.

Das Abstimmungsresultat drückte die Abneigung gegen die RSI aus. Diese sollte die Kritik nun endlich ernst nehmen, um nicht ihre eigene Zukunft aufs Spiel zu setzen. Denn dieses Szenario wird immer wahrscheinlicher.

Wenn die Deutschschweizer sehen, dass die Tessiner nicht mehr voll und ganz hinter ihrem eigenen Radio und Fernsehen stehen, werden sie sich zu Recht sagen: Nehmen wir unseren Miteidgenossen im Süden doch ein paar Millionen weg und brauchen sie lieber für uns.

Was also ist zu tun? Die RSI muss endlich auch Andersdenkende zu Wort kommen lassen. Weil ein echter Wettbewerb in einem so kleinen Kanton wie dem Tessin nicht möglich ist, weil kein Privater sein Geld in einem Konkurrenzsender verlochen will, sollen sich bei der RSI bürgerliche Stimmen mehr einbringen können.

Es geht darum, dass die RSI im Tessin wieder mehr Rückhalt genießt. Sie ihre Gebührenmillionen nicht fahrlässig riskiert – und damit die italienischsprachige Kultur der Schweiz.