Die Strategen

Das Strategiepapier landet am 25. Januar 2016 im E-Mail-Eingang der "Informationsministerin" von Donezk, Elena Nikitina. Absender ist eine russische Mail-Adresse, afrika1996@yandex.ru, ihr Inhaber nennt sich "Andrej Afrika". Knapp vier Wochen später unterläuft einem der "Berater", wie sich die Moskauer Drahtzieher nennen, ein Fehler, der wahrscheinlich ihre Klarnamen bloßlegt. Das Missgeschick passiert in einer E-Mail, die ein gewisser "Kashalot74" am 21. Februar 2016 um 12.13 Uhr an die Informationsministerin schickt.

Die Mail enthält als Anhang die Tagesordnungspunkte für eine bevorstehende Sitzung, Thema: "Mediaplanung, Bericht über die Arbeit der Massenmedien in der Region". Am Anfang des Dokuments werden vier Namen genannt: Andrej Tolmatschjew, Jewgeni Morus, Andrej Godnew und Alexander Paschin. Die Funktionsbezeichnung dieser Männer lautet: "Technologen und Medienverantwortliche".

Eine halbe Stunde nachdem Kashalot74 (Russisch für "Pottwal") auf "Senden" gedrückt hat, wird ihm klar, was er da mitgeschickt hat: "Ich rate, unsere Nachnamen zu löschen und zu vergessen!", mailt er der Ministerin.

Gewöhnlich ist Kashalot74 vorsichtiger. Sein mutmaßlicher Klarname, Alexander Paschin, taucht in den 10.000 E-Mails nur wenige Male auf. Ein weiteres Mal findet er sich in einer Mail von Kashalot74@mail.ru an die Donezker Informationsministerin. Im Anhang befindet sich ein Ticket für einen Flug vom nahe gelegenen russischen Flughafen Rostow am Don nach Moskau, gebucht für den 24. Februar 2016 um 11.45 Uhr. Als Reisebegleitung steht Ministerin Nikitina auf der Buchungsbestätigung.

Nach Recherchen der pro-ukrainischen Website InformNapalm arbeitete Alexander Pawlowitsch Paschin Anfang der 2000er Jahre als Journalist in Murmansk. Später wurde er Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in der Verwaltung der nordrussischen Marinestadt. Nach Beginn des Krieges in der Ostukraine begleitete Paschin im Juli 2014 mit einer Kamera einen Hilfskonvoi von Murmansk in die Stadt Slowjansk. Paschin versteckte sich nicht. Er gab Interviews zu der Reise, auf seiner Profilseite des russischen sozialen Netzwerks VK posiert er neben bewaffneten Separatisten. Im Mai 2016 ließ sich Paschin mit dem Donezker Rebellenführer und "Ministerpräsidenten" Alexander Sachartschenko fotografieren.

Andrej Godnew ist ein weiterer Name, den die Donezker Informationsministerin löschen und vergessen sollte. Auch er findet sich in einigen E-Mails der Donezk-Leaks wieder. Godnew nennt sich selbst "Politberater" und stammt nach seinen eigenen Angaben auf dem Netzwerk VK aus der russischen Stadt Nischni Nowgorod. Ihn nennt das Strategiepapier als Mitautor. Im August 2013 gab Godnew Seminare für die Junge Garde, die Jugendorganisation der Regierungspartei Einiges Russland. Das jedenfalls ergibt sich aus Berichten auf deren Webseiten.

Ein weiterer Berater des Donezker Informationsministeriums ist ein gewisser "Kosake". Mit ihm bespricht sich die Ministerin, wenn es um die öffentliche Darstellung des Separatistenführers Sachartschenko geht. Folgt man den digitalen Spuren des "Kosaken", stößt man auf den Namen Alexander Kasakow. Die russische Onlinezeitung gaseta.ru nennt Kasakow einen "ideologischen Kurator", der das Image des Rebellenchefs verbessern solle. In Interviews lässt sich Kasakow als Politologe und Vertreter unterschiedlicher russischer Thinktanks bezeichnen. Der ostukrainische Propagandasender Newsfront stellt ihn 2015 als Vize-Direktor des Zentrums für politische Konjunktur (ZPK) vor. Das stimmt mit den Angaben im russischen Amtsblatt Rossijskaja Gaseta überein, das Kasakow ebenfalls als stellvertretenden ZPK-Direktor aufführt. Die Beratungsfirma sitzt in einem modernen Büroturm im Zentrum von Moskau. Das ZPK brüstet sich auf der Unternehmens-Website mit der "Zusammenarbeit mit der Präsidialadministration" oder kurz: AP. Die AP ist eine in Russland bekannte und mächtige Institution. Sie ist das Moskauer Pendant zum Berliner Kanzleramt – nur mit noch mehr Befugnissen ausgestattet. Sie ist Wladimir Putins Machtzentrale.

Am 9. Februar 2016 um 14.11 Uhr taucht das Kürzel "AP" erneut in einer E-Mail der Informationsministerin auf. In ihr weist sie einen Mitarbeiter ihres Ministeriums an, ein Treffen zu organisieren, und zwar zwecks "Zusammenarbeit bei der Medienplanung und Realisierung von Sonderprojekten". Teilnehmen sollen Vertreter des Separatisten-Ministeriums für Staatssicherheit (MGB), des Verteidigungsministeriums sowie die Chefredakteure der wichtigsten Medien der Region. Anwesend soll auch ein Mann sein, der Andrej Federowitsch genannt wird. In eckigen Klammern hinter seinem Namen steht seine Funktion: Berater aus der AP. Möglicherweise handelt es sich bei Federowitsch um jenen "Andrej Afrika", der wenige Wochen zuvor das Strategiepapier an die Ministerin gemailt hatte.

Fragen der ZEIT und des ZDF an die russische Botschaft in Berlin, ob und in welcher Beziehung die Inhaber der russischen E-Mail-Adressen zur Präsidialadministration in Moskau stehen, blieben ohne Antwort. Auch direkte Anfragen an die Mail-Adressen wurden nicht beantwortet.