Farbmunition

Einige Wochen nach der Ankündigung des Koordinationstreffens des Ministeriums mit Geheimdienstlern, Militärs und Chefredakteuren hat sich die Zusammenarbeit zwischen den Moskauern und den Separatisten eingespielt. Einer der Berater, der mutmaßliche Alexander Paschin, schreibt am 16. März 2016 um 11.45 Uhr (wieder unter Kashalot74@mail.ru) eine Mail an die Ministerin Nikitina: "Einen munteren Tag. Anweisung aus Moskau. Dringend!" Die E-Mail trägt den Betreff "Fwd: Ablaufplan". Es geht um ein feierliches Ereignis, das in einigen Tagen in Donezk ansteht. Der fünfzigste Hilfskonvoi aus Russland für die "Volksrepublik Donezk" wird erwartet. Dessen Ankunft soll gebührend inszeniert werden, schließlich sind die Lieferungen ein Symbol der Verbundenheit mit dem großen Nachbarn, der hilft, die Separatisten gegen die vermeintlichen Faschisten in Kiew zu verteidigen.

Das Informationsministerium in Donezk hat zu diesem Zeitpunkt bereits ein sorgfältig ausgearbeitetes Programm an die Moskauer Berater geschickt. Zur Begrüßung sollen "Kinder, Lehrer (2–3), Ärzte (2–3)" bereitstehen, um sich bei den Fahrern zu bedanken; ein Rentner aus Donezk werde "einen offenen Brief der Dankbarkeit" verfassen. Auch wie Fernsehen und Zeitungen über das Dankbarkeitsfest für Russland zu berichten haben, ist schon festgelegt.

Doch dem Berater Alexander Paschin fehlen noch ein paar Kleinigkeiten. Es müssten, schreibt er der Ministerin, "konkret Rentner, Mütter mit vielen Kindern und so weiter ergänzt werden – diejenigen, die die Hilfsgüter erhalten".

Die Informationsministerin schickt Paschin einen Link zu einem Musikvideo über die weißen Hilfstransporter. Dies könnte ebenfalls gesendet werden. Doch Paschin findet das Video mit den weißen Kamaz-Transportern "schlecht". Er möchte, dass die Macher des Streifens in sein Büro kommen. Das Büro des Russen befindet sich offenbar nicht in Moskau, sondern direkt am Ort, im Donezker Informationsministerium: "Morgen um 9.00 Uhr wegen des Videoclips Weiße Kamaz in die sechste Etage zu Alexander Pawlowitsch", gibt die Informationsministerin den Befehl weiter. Zwei Tage später liefern die Produzenten eine neue Version ab. "Um Klassen besser", lautet Paschins Urteil.

Als möglicher Anlass zu einer Medienkampagne taucht der Jubiläums-Konvoi schon in dem Strategiepapier der Berater auf. Dort wird er als eines von mehreren Projekten unter dem Titel "Unterstützung der Republiken durch Russland" aufgeführt. Die entsprechende "thematische Leitlinie", also die Geschichte, an der entlang solche Ereignisse erzählt werden sollen, weist über die Ukraine hinaus. Sie ist eine globale Erzählung und geht so: "Russland ist ein zuverlässiger und starker Verbündeter der Volksrepubliken. (...) Das heutige Russland ist nicht mehr das der neunziger Jahre, es arbeitet unbeirrt daran, die Stärke der Sowjetunion wiederherzustellen, und steht dem Westen auf Augenhöhe gegenüber. Die Wirtschaftssanktionen haben Russland natürlich hart getroffen, aber dieser Schlag wurde insgesamt ruhig ertragen, seine Wirkung war wesentlich geringer als vom Westen angenommen, und Russland kommt aus dieser Situation noch stärker und unabhängiger heraus. (...) Russland kämpft für den Donbass und trägt politische und wirtschaftliche Verluste davon. Ein globaler diplomatischer Krieg ist im Gange. Aber auch der Westen leidet in diesem Krieg, und noch ist nicht klar, wer wen besiegen wird."

Die russischen Berater empfehlen, vor allem Dankbarkeit der ostukrainischen Bevölkerung gegenüber dem russischen Präsidenten zu inszenieren, und zwar mithilfe "naiver Storys", wie sie schreiben: "Beiträge, die unterstreichen, wie dankbar die Luhansker Putin dafür sind, was er getan hat und tut. Zum Beispiel: 'Eine Oma strickt Socken für Putin', 'Kinder malen Putin-Porträts', 'Ein Bildhauer bei den letzten Arbeiten am Modell für ein Putin-Denkmal, das er (...) in Luhansk aufstellen möchte' usw."

Denkbar sei auch, heißt es, Unterschriftensammlungen zu initiieren, die direkt an Präsident Putin appellieren, um beispielsweise die Bevölkerung des Donbass umgehend mit russischen Pässen zu versorgen. Sollte es dazu kommen, möge man die Volksnähe des Kremls preisen: "Es kann dann hervorgehoben werden, dass der Präsident dem Wunsch der Menschen gefolgt sei."

Manche Journalisten finden es aufregend, nicht neutral zu berichten, sondern Teil der psychologischen Kriegsführung zu werden. So schildert es Dmitri R., der selbst freier Journalist im Donbass war – und zum Propagandisten werden sollte. Er arbeitete für den Rebellenkanal Newsfront. Als er erkannte, wie das Regime Reporter instrumentalisiert, warf er seinen Job hin. Seinen echten Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Er fürchtet Repressalien. Wenn man wissen will, wie frei er damals über Ereignisse im Kriegsgebiet der Ostukraine berichten konnte, lacht Dmitri R. bitter: "Als ich gefragt habe, ob ich unabhängig von den Vorgaben Material drehen kann, kam immer die Antwort: Es ist nicht die Zeit für Journalismus. Journalismus ist etwas für den Frieden. Für den Krieg – es ist auch ein Informationskrieg – brauchen wir Informationskrieger. Wir haben uns wirklich als Informationskrieger gesehen. Und das hat der Arbeit etwas sehr Spezielles gegeben."

Wer sich von der vorgegebenen Linie nicht ganz so begeistern lässt, verliert schnell seinen Job: "Wenn du einen kritischen Beitrag machst, sagen sie beim zweiten oder dritten Mal, du bist gefeuert, wir brauchen solche Arbeiten nicht, wir finden einen anderen, der die Regeln befolgt. Das ist einer der Gründe, warum ich die Arbeit beendet habe."