Die Feindbeobachtung

Wie penibel die öffentliche Meinung überwacht wird, belegt eine Anweisung, die am 25. Januar 2016 im Postfach der Informationsministerin landet: "Täglich (einschließlich Wochenende) bis 18 Uhr muss der Report 'Top-5Nachrichten' (die wichtigsten Nachrichten des Tages aus den Lokalmedien)" übermittelt werden. Ergänzend sollen alle Beiträge ausgezählt werden, die der thematischen Vorgabe "In der Ukraine ist es schlechter" entsprechen.

Erst recht soll die Berichterstattung ausländischer Medien über den Donbass genau beobachtet werden. Ein zusammenfassender Bericht ist stets donnerstags um 16 Uhr abzuliefern. Darin enthalten sein soll eine Übersicht aller Journalisten, die sich derzeit im Separatistengebiet aufhalten. Deren Beiträge sollen als "positiv", "neutral" oder "negativ" bewertet werden. Wer kritisch berichtet, soll auf einer sogenannten Stoppliste landen und nicht mehr akkreditiert werden, sprich: Er oder sie wird im Donbass als Journalist nicht länger geduldet. Als ausgemachte "Feinde Russlands" werden die Nachrichtenagenturen Reuters und AP aufgeführt.

Am 5. Februar 2016 um 09.28 Uhr schreibt ein "Janus Putkonen", freiwilliger Helfer der Separatisten aus Finnland, der sich in Donezk um die Akkreditierungsanfragen ausländischer Journalisten kümmert, seinem Mitarbeiter eine Mail mit der Betreffzeile: "ZDF". Dazu die kurze Bemerkung: "Recommendation: NO". Dieselbe Einstufung trifft die Moskau-Korrespondentin der ZEIT.

Sie und das ZDF-Team, das zum Jahrestag des Minsker Abkommens einen Beitrag in der Ostukraine drehen will, stehen damit auf der Stoppliste. Gründe werden nicht genannt, nur einige Verweise zu Beiträgen über Berichte des Senders finden sich in der Mail. Quellen sind: Russia Today, ein vom Kreml finanzierter Sender, und Propagandaschau, ein deutschsprachiges Portal, das sich links gibt und den Kreml unterstützt.

Nach mehreren E-Mails und vielen guten Worten des ZDF-Teams lässt sich die Akkreditierungsstelle umstimmen und erteilt am Ende doch die Erlaubnis für die Dreharbeiten. Aber ganz traut man dem ZDF nicht. Der Finne Putkonen verfügt intern: "Die Gruppe muss zumindest sorgfältig überwacht werden."

Das Pressezentrum der Rebellen in Donezk führt Journalisten-Listen mit grünen und roten Markierungen. Grün markierte Namen sind besonders herzlich willkommen zu heißen, rot markierte dürfen das Gebiet gar nicht erst betreten.

Pflege der Verbündeten

Grün markiert ist auf der Liste unter anderem der Name von Marc Bartalmai. Daneben noch der Zusatz: "good friend". Marc Bartalmai ist ein Pseudonym, im richtigen Leben heißt er Mirko Möbius und kommt aus Sachsen-Anhalt. Immer wieder hat der gelernte Marketingkaufmann an "Montagsmahnwachen gegen Sozialabbau und Kriegstreiberei" teilgenommen, auf denen rechte und linke Radikale sich ein Stelldichein geben. Nach Ausbruch des Krieges in der Ostukraine zog es ihn in den Donbass. Dort begann er Filme zu drehen, ohne Unterstützung aus Moskau, wie er beteuert.

Tatsächlich stellen Möbius’ Filme den Kriegsalltag ausschließlich aus der Sicht der prorussischen Separatisten dar. Hunderttausende haben seinen Film Ukrainian Agony bereits im Netz angeklickt. Möbius findet seine Anhänger vor allem unter jenen, die mit den sogenannten Mainstream-Medien abgeschlossen haben. Aus ihrer Sicht zeigt Möbius das wahre Bild des Krieges, des Krieges einer faschistischen Junta in Kiew gegen aufrechte Freiheitskämpfer. Konfrontiert mit der eigenen Arbeitsweise und mit der Zensurpolitik im Donbass, antwortet Möbius: "Machen wir uns nichts vor. Wir sind in einem Propagandakrieg – dort drüben wie hier."

Beflissen kümmerte sich die Regierung der "Volksrepublik Donezk" um die Vermarktung des Streifens: Entwürfe für das Filmplakat, auf dem Möbius traurig einen Hund anblickt, wurden zwischen der Ministerin und einer Untergebenen abgestimmt. Die öffentlichen Aufführungen in den Donezker Kinos Zvjesdotschka und Kult finden Eingang in die offizielle Terminplanung des Ministeriums. Außerdem wird die Dokumentation im regionalen Fernsehen gezeigt. In einem Rückblick auf das Jahr 2015 wird die breite Präsentation von Ukrainian Agony vom Informationsministerium und den Moskauer Beratern als ein Höhepunkt ihrer Arbeit gefeiert. Fünf Millionen Zuschauer hätten den Film gesehen – er sei damit das bislang schlagkräftigste "Projekt" überhaupt gewesen.