Genauso willkommen in der Separatistenhochburg Donezk ist Manuel Ochsenreiter, ein Vertreter der Neuen Rechten in Deutschland. Ochsenreiter leitet als Chefredakteur das "Deutsche Nachrichtenmagazin" Zuerst!, in dessen Beiträgen Wladimir Putin als starke Führerfigur bewundert wird. "Zulassen", lautet das Urteil der Separatisten.

E-Mail vom 26. Juni 2015, 13.53 Uhr: Der stellvertretende Informationsminister in Donezk berichtet seiner Chefin über den Stand des geheimen Projekts "Sonderberichterstatter". Besonders loyale Journalisten sollen Zuträger und Komplizen der Machthaber werden. Aufgabe der auserwählten Journalisten-Agenten ist es, die Separatistenregierung in ein günstiges Licht zu rücken. Der E-Mail-Verfasser im Ministerium beruft sich auf ein Beispiel aus Sowjetzeiten: "Die Aufmerksamkeit des speziellen Korrespondenten der Zeitung Prawda konnte zu einem Karrieresprung führen oder zur Absetzung. (...) Eine analoge Institution von Sonderberichterstattern empfehlen wir auch in der Volksrepublik Donezk zu schaffen."

Nebelgranaten

In Donezk ist ein Team der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stationiert. Die internationalen Beobachter sollen die im Minsker Abkommen vereinbarte Waffenruhe zwischen der Ukraine und den prorussischen Rebellen überwachen. Doch es gibt keine Waffenruhe. Die OSZE-Experten können oft kaum auseinanderhalten, wer gerade wen mit Raketen oder Granaten beschießt. Am 9. August 2015 brennt der Fuhrpark der OSZE. Die Rebellenführung in Donezk reagiert umgehend: Der Brandanschlag gegen die Beobachter soll dem ukrainischen Geheimdienst angelastet werden. Eine entsprechend fabrizierte Meldung macht im Netz die Runde. Erfreulich schnell, wie die Propagandisten finden. Das ergibt sich aus einer ministeriumsinternen E-Mail vom 10. August 2015 um 18.57 Uhr, Betreff: "Auswertung zu den abgebrannten OSZE-Autos". Der Mail-Anhang enthält ein Protokoll, laut dem die "Abteilung Internetressourcen" die Story von den ukrainischen Brandstiftern in den sozialen Netzwerken gestreut habe. Das Protokoll führt etwa zwei Dutzend Blogs auf, die diese Version aufgegriffen und weiterverbreitet haben. Laut ihrer Auswertung habe die Geschichte allein über das russische Netzwerk VK bis 1,3 Millionen Nutzer erreicht.

In diesem Sinne soll weiter manipuliert werden. Das Moskauer Strategiepapier enthält dazu die folgende Leitlinie: "'Die Ukraine untergräbt absichtlich die Minsker Vereinbarungen.' Alle Berichte (...) über Verstöße der ukrainischen Seite gegen die vereinbarte Waffenruhe müssen diese These enthalten. Im gesellschaftlichen Bewusstsein ist eindeutig zu verankern, dass die LVR, die DVR und die Russische Föderation für die Einhaltung der Abkommen sind und die Ukraine dagegen."

Methoden mit Tradition

Im Jahr 1951 veröffentlichte der amerikanische Sozialpsychologe Solomon Asch die Ergebnisse eines Wahrnehmungsexperiments. Er hatte Gruppen von Studenten unterschiedlich lange Striche vorgelegt und sie gebeten, deren Längen zu bestimmen. Bis auf jeweils einen Teilnehmer war jede Gruppe angewiesen worden, bewusst eine kürzere Linie als die längste zu benennen. In den Testreihen folgten drei Viertel aller nicht eingeweihten Probanden der Mehrheitsmeinung – obwohl die offensichtlich falsch war.

Aschs Experiment gilt als Beleg dafür, wie ungeheuer stark die Kraft von Gruppenmeinungen ist. Auf solche realitätsbeugenden Effekte war schon während des Kalten Kriegs die Propaganda des KGB aus. Für Politiker, die in dieser Methode geschult sind, öffnet das Internet völlig neue Möglichkeiten. Große Nutzergruppen lassen sich zu falschen Urteilen verführen, wenn sie diese Urteile von allen Seiten bestätigt sehen.

Wladimir Putin ist nicht nur selbst ein ehemaliger KGB-Agent, er hat auch viele der einstigen Kollegen aus dem Apparat in der Präsidialadministration um sich geschart. Die beharrliche Bezeichnung der Kiewer Regierung als Faschisten; die aggressive Bezichtigung Dritter, am Abschuss der Passagiermaschine MH17 über der Ostukraine schuld zu sein; die andauernde Falschbehauptung, das russlanddeutsche Mädchen Lisa sei von Flüchtlingen vergewaltigt worden, selbst als schon feststand, dass dies nicht stimmte; die Diskreditierung kritischer Journalisten als US-gesteuerte Agenten; und zuletzt die Verbreitung widersprüchlicher Versionen über den Beschuss eines UN-Hilfskonvois in Syrien – all diese Verblendungsversuche folgen einem Muster, das in die Sowjetzeit zurückführt. Wie es in der Ostukraine umgesetzt wird, dafür bietet das Donezk-Leak jetzt den Beleg.

Das ZDF zeigt die "Frontal21"-Dokumentation "Putins geheimes Netzwerk – Wie Russland den Westen spaltet" am Dienstag, den 4. Oktober, um 21 Uhr