Stellen Sie sich vor, zwei männliche Funktionäre einer Partei, sagen wir der CDU, tauschen sich im Chat über die sexuelle Orientierung einer Kollegin aus. Sie spekulieren darüber, ob sie wohl lesbisch sei. "Also so, wie die auf mich reagiert, kann ich das ausschließen", schreibt der eine und setzt einen Zwinkersmiley hinter seine Worte. Zwei Männer, die sich anzüglich über eine Kollegin äußern und sie zum sexuellen Objekt degradieren – würde dieser Chatverlauf öffentlich werden, er hätte das Potenzial, eine Sexismusdebatte auszulösen.

Stellen Sie sich nun die gleiche Szene vor, nur mit umgekehrten Rollen: Zwei Frauen spekulieren über einen Parteikollegen, ob er schwul sei, und die eine schreibt: "Also so, wie der auf mich reagiert, kann ich das ausschließen", es folgt ein Zwinkersmiley. Wie würde die Öffentlichkeit wohl reagieren?

Diesen Chatverlauf zwischen zwei Frauen aus der CDU gibt es tatsächlich, veröffentlicht hat ihn eine Berliner Zeitung. Der Smiley-Satz stammt von Jenna Behrends, einer jungen Politikerin.

Die Empörung, dass hier ein Mann zum Sexobjekt degradiert wird, ist ausgeblieben. Offenbar werden anzügliche Sprüche von Frauen nicht mit Machtgehabe in Verbindung gebracht. Vielleicht, weil die tradierten Rollenbilder im gesellschaftlichen Gedächtnis tiefer sitzen als geglaubt und Frauen im Zweifelsfalle immer noch als das schwache Geschlecht gelten.

Nun ist Jenna Behrends die Frau, die in einem offenen Brief Mitgliedern ihres CDU-Bezirksverbands Sexismus vorgeworfen hat. Sie berichtet von einem Berliner Senator (später nennt sie auch seinen Namen, es ist Frank Henkel), der sie auf einem Landesparteitag "süße Maus" genannt habe und später einen Parteikollegen gefragt haben soll: "Fickst du die?"

Die Frage von Henkel und der Smiley-Satz von Behrends haben etwas gemeinsam: Es geht um Sexuelles, um Intimes über eine dritte Person, das in einem professionellen, innerparteilichen Umfeld fehl am Platz ist. Der eine Fall wird zum Beleg für Sexismus, der andere nicht.