Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Nein, das ist kein weiterer Aufschrei über die Allgegenwärtigkeit des Sexismus. Aufschrei – das klingt nach sich überschlagenden Frauenstimmen, nach Hysterie oder nach weiblichen Sprechgesängen. Obwohl vielen Frauen manchmal wirklich zum Schreien zumute ist. Erzählen sie öffentlich, was am Rande von Konferenzen, Ortsverbandssitzungen, Synoden oder Fakultätsratssitzungen so passiert, sind sie geltungssüchtig, rachsüchtig, humorlos – oder können einfach die raue Wirklichkeit nicht ertragen. Versuchen sie, in ihren Parteien, Firmen, Universitäten oder Organisationen vertraulich Aufmerksamkeit zu erzeugen, wird ihnen ins Ohr geflüstert, dass so ein Eingeständnis karriereschädigend sei. Und dann gibt es da noch die weiblichen Gegenstimmen aus dem Off. Sie wittern ihre Gelegenheit: Männer sind auch nur Menschen. Wir leben im postfeministischen Zeitalter. Lasst ihnen doch die paar dämlichen Bemerkungen. Glänzt mit Sachbezug und Überzeugungskraft.

Jetzt hat sich wieder eine junge Frau in einem offenen Brief beklagt, was so passieren kann, wenn Frau mit Kind unter 30 sich politisch engagieren will. Die politischen Parteien, die Unternehmen, die öffentlichen Verwaltungen, die Wissenschaft, alle tun viel für die Willkommenskultur. Wir brauchen die Frauen, heißt es überall. Doch in geschlossenen Räumen gibt es immer noch jene krasse Asymmetrie. Man stelle sich vor, bei der Vorstellung eines jungen Mannes für die Wahl zum Synodalen würde ein älterer Kollege zu seinem Nachbarn flüstern: "Wieder einer im gebärfähigen Alter, der lieber hier was werden will." Undenkbar. Man stelle sich Bewerberrunden vor, wo Personaler offen darüber reden, ob eine junge Frau den kommenden Belastungen überhaupt standhalten könne, schließlich schwächelten die doch einmal im Monat mehrere Tage, man kenne sich da aus. Hoho.

Junge Frauen sind super fürs Plakative. Wenn sie dann noch hübsch und klug sind, kann man sogar mit ihnen angeben. Als Frauenförderer kann man Bonuspunkte sammeln. Oder als Jungvater mit 50, der sein Baby mit ins Büro nimmt. "Ein Traum von einem Mann." Doch bei Berufungsverfahren auf Professuren heißt es immer noch: "Hat die ihre Arbeit wirklich selbst geschrieben, mit drei Kindern?"

Die Männerfantasie hat noch lange nicht ausgedient. In keiner Partei, in keinem Unternehmen, in keiner Organisation. Das unverhohlen Sexistische ist vielmehr in den Untergrund gewandert, in die Schattenwelten halbvertraulicher Räume, Flure oder Abendessen. "Was sagt Ihr Mann eigentlich dazu, dass Sie so viel unterwegs sind? Oder haben Sie keinen abgekriegt?" Wenn einer mal der Kragen platzt, kommt prompt die Reaktion: "Man wird doch noch mal sagen dürfen." Männer, stellt euch vor, das, was ihr hört, sagt oder geschehen lasst, geschieht eurer Tochter, Mutter oder Schwester.