Dass im Kino geklatscht wird, ist bei Premieren üblich. Im Passage-Kino in der Mönckebergstraße klatschen die Zuschauer aber schon, bevor der Film läuft. Sie applaudieren sogar, ehe sie überhaupt wissen, was gezeigt wird. Während der Trailer geht es los: Als auf der Leinwand die Kamera zu einem Flug über eine Waldlandschaft ansetzt, beginnt ganz langsam der Applaus. Er wird schneller, als die Kamera gen Horizont rast, und schließlich, als die Aufnahme eines Bergsees erscheint, bricht im Kinosaal eine La-Ola-Welle los ("Öööö-hey!").

Moment mal!, fragt man sich, wenn man unvorbereitet in diese Vorführung geraten ist: Gilt im Kino nicht: zurücklehnen und Klappe halten? Doch da turnt schon Jackie Chan mit seiner Kung-Fu-Akrobatik über die Leinwand, in einem Trailer des Neunziger-Jahre-Films Rumble in the Bronx. Und als ein Nebendarsteller in die Kamera fragt, ob alles klar sei, wissen alle im Saal, was Jackie gleich antworten wird. Sie brüllen mit einer Stimme: "NEIN!"

Ein Montagabend im September, anderthalb Wochen vor dem Filmfest. Der rote Teppich ist noch nicht ausgerollt, auch Stargast Ewan McGregor wurde bisher nicht gesichtet. Im Passage-Kino herrscht trotzdem eine ausgelassene Stimmung. Wie jeden Montagabend. Denn dann findet hier die Sneak-Preview statt, die älteste der Stadt. Mehr als tausend Filme wurden in den letzten 22 Jahren präsentiert.

Sneak-Preview bedeutet nicht nur, dass ein englischsprachiger Überraschungsfilm schon vor dem Start gezeigt wird, sondern auch, dass der Kinobesuch zur Party wird. "In vielen Kinos ist man anonym", sagt Karim Senoucci: "Bei uns nicht." Gemeinsam mit Emma Groß organisiert er die Sneak-Preview, ehrenamtlich. Was gezeigt wird, ist zweitrangig, dieses Jahr waren es "Kommerzfilme" (O-Ton Senoucci) wie The Legend of Tarzan und Nischentitel wie Wiener-Dog, ein Episodenfilm über Dackelbesitzer. "Es geht um die Community", sagt Groß: "Ich habe hier sogar meinen Mann kennengelernt."

Kinoerlebnisse, das waren in Hamburg lange auch Stadterlebnisse. Da war etwa das Streit’s Filmtheater in bester Lage am Jungfernstieg, das seine Besucher schon architektonisch auf Hollywood einstimmte: Wer die geschwungene Treppe in den Art-déco-Saal hinabstieg, konnte sich selbst wie ein Filmstar fühlen.

Oder das Grindelkino, ein Bau mit dem Charme eines Hallenbads, in dem sich zwischen Pizzastand, Pappaufstellern und dem Verkehrsrauschen vor der Tür das Gefühl ausbreitete, man sei in einer amerikanischen Mall. Nicht unpassend, um einen Blockbuster zu sehen.