Aleppo erlebt das grausamste Bombardement seit Beginn des syrischen Krieges. Was Assads Fass- und Brandbomben am Boden verfehlen, schaffen die "Bunkerbrecher" der russischen Luftwaffe unterhalb. Diese zerfetzen den dicksten Beton und pulverisieren die unterirdischen Krankenstationen sowie die Schutzräume von Zehntausenden.

Die Bilanz nach fünf Jahren: eine halbe Million Tote, Millionen von Flüchtlingen. Wie aber das Massaker stoppen? Europa wird nicht eingreifen, Amerika nicht eskalieren, die UN werden keine Streitmacht aufbieten. Folglich beherrschen Russland, Damaskus und der Iran nunmehr das Schlachtfeld, und sie werden bedenkenlos Zivilisten opfern, um ihre strategischen Ziele zu erreichen: Amerika raus, Assad drin, Russland und der Iran als Vormächte in Nahost.

Warum ist das großmächtige Amerika vor diesen beiden Zweitplatzierten zurückgewichen? Weil Barack Obama in einem Daueranfall von Selbstentmachtung die Arena spät und nur halbherzig betreten hat. "Nie wieder!" war sein Leitstern – verständlich nach Afghanistan und Irak. Doch gab er sich einer schönen Illusion hin, die in Nahost zum Albtraum geriet.

Die humanitäre Pflicht muss sich an den realpolitischen Risiken messen

Er gedachte Moskau mit dem "Neustart" zu zähmen und die Revolutionäre von Teheran zu "resozialisieren", vor allem von der Bombe fernzuhalten. Der Traum platzte spätestens im Bombenhagel von Aleppo. Den Sündenfall von 2013, als Obama Assads Chemiewaffen hinnahm, konnten Russland und der Iran nur als Einladung verstehen, in das Vakuum einzudringen. Warum Obama zurückzuckte, erklärt der Nahost-Experte Jay Solomon in seinem Buch The Iran Wars. Teheran habe Obama damals gedroht: Schlage er zu, werde der Iran die Atomgespräche sprengen. Der Präsident entschied gegen das syrische Volk.

Vehement bestreitet das Weiße Haus diese Lesart, aber sie liegt auf der Hand. Iranische Revolutionsgarden mutierten zu Assads Palastwache. Derweil baute Putin seine Stützpunkte in Syrien aus, um angeblich die Islamisten zu bombardieren. Vorrangiges Ziel waren indes die Anti-Assad-Kräfte. Dass der Diktator wegmusste, verschwand aus der amerikanischen Rhetorik.

Nach Jahren der Selbstbescheidung wird Obama in seinen letzten Monaten nicht plötzlich "Yes we can" sagen und Muskeln zeigen. Überdies ist es zu spät. Soll er etwa den russischen Flugzeugträger vor der syrischen Küste versenken, die iranischen Kräfte bombardieren? Dann die Assadisten am Boden festnageln, damit sie keine Zivilisten mehr massakrieren können? Ein Präsident, der vor drei Jahren Schutzzonen und Flugverbote hätte durchsetzen können, wird das exponentiell gewachsene Risiko erst recht scheuen.

Kann man denn angesichts des Grauens gar nichts tun? Doch, aber am Sandkasten wäre es leichter als auf dem Schlachtfeld. Präzisionsschläge gegen Assads Luftwaffe würden im "Nebel des Krieges" (Clausewitz) auch russische Jets treffen. Solche Kollisionen waren schon in den kältesten Tagen des Kalten Krieges tabu. Atommächte schießen nicht aufeinander; sie führen nur Stellvertreterkriege. Den Iran ins Visier nehmen? Das Atomabkommen wäre perdu. Die Sanktionen verschärfen? Putin weiß, dass die westliche Industrie schon die bestehenden gegen Russland loswerden will, und erst recht die gegen den Iran. Die humanitäre Pflicht muss sich also an den realpolitischen Risiken messen.

Obamas Sprecher verrät die ganze Hilflosigkeit des Westens, indem er nur leise droht: "Wir können uns keine neuen Übereinkommen mit den Russen vorstellen, wenn sie ihre alten Verpflichtungen nicht einhalten." Geradezu verwegen klingt da UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, wenn er den Einsatz von Fassbomben und Bunkerbrechern als "Kriegsverbrechen" geißelt.

Aleppo wird auf ewig ein Schandfleck bleiben, wie Biafra und Ruanda. Selbstverständlich will der Westen keinen zweiten Kalten Krieg. Tatsächlich aber herrscht längst ein "Kühler Krieg", eine neue Machtprobe, die Putin angezettelt hat, weil Amerikas Selbsteindämmung die Gelegenheit dazu bot. Aleppo ist die Quittung.

Das Herz blutet, aber im Kopf regiert die Verzweiflung. Es wäre schon viel erreicht, wenn Assad "humanitäre Korridore" öffnete. Doch können solche Gesten nichts an einer alten Einsicht ändern. Der syrische wird wie alle Binnenkriege enden: mit dem Sieg der Stärkeren oder in der gegenseitigen Erschöpfung. Bis dann werden unter dem allgemeinen Händeringen noch Abertausende sterben, die nicht flüchten können.

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