Berlin-Pankow, am Freitag noch vor der Abgeordnetenhaus-Wahl. In der Grabbeallee prügeln sich zwei Stimmberechtigte. Sie wälzen sich auf der Fahrbahn. Stau, reichlich Publikum. Der Unterlegene zieht ein Messer, sticht zu und rennt weg. Der Hinterbliebene blutet wie ein abgestochenes Schwein. Berliner Fachkommentar: Messer is Scheiße, uff de Fresse is okay.

Am Samstag dann politisiert an der Haltestelle Pankow-Kirche ein Bürger. Sein unablässig ausgebrüllter Wortschatz, zwei Dutzend Fäkalwörter, kündet von einer großen Sehnsucht: Deutschland den Deutschen! Morgen wird Merkelferkel abgewählt, dann regiert das Volk, da wird der Türkendreck, die ganze Flüchtlingskacke, mit dem Messer, aber so richtig schön langsam, dönermäßig, scheibchenweise, mit Genuss ... Die Umstehenden schweigen. In mir spricht es: Auf die Fresse wäre okay.

Am Sonntag wählt Pankow. In meinem bürgerlichen Wahlbezirk bleibt die AfD unter 19 Prozent. Nebenan holt sie das Direktmandat.

Es naht der 3. Oktober. Dieser Nationalfeiertag wird wohl still. Das Jubiläum 2015 war vorerst die letzte Einheitsmesse. Volkslob passt zur deutschen Gegenwart wie Honeckers Feier der sozialistischen Errungenschaften zur DDR von 1989. Unerschrockenen Demokraten sei jedoch für das lange erste Oktoberwochenende ein gewichtiges Buch empfohlen. Es heißt Demokratie jetzt. Der schwierige Weg zur deutschen Einheit (Evangelische Verlagsanstalt). Geschrieben hat es Gerhard Weigt. Der 1938 geborene Autor zählte zu den Begründern jener ostdeutschen Bürgerrechtsgruppe, die seiner Chronik ihren Namen gab. Demokratie jetzt vereinte Hans-Jürgen Fischbeck, Stephan Bickhardt, Konrad Weiß, Almuth Berger, Ulrike Poppe, die unvergessenen Wolfgang Ullmann und Ludwig Mehlhorn ...

Unvergessen? In offiziösen Panoramen der Vereinigungsgeschichte sind diese Charakterköpfe des friedlichen Umbruchs meist großflächig übermalt. Gerhard Weigt erzählt, wie es wirklich war, nach zwölfjähriger Recherche in den Archiven der friedlichen Revolutionäre. Er zoomt zwischen Weltgeschichte und Detail. Er zeichnet Macht und Ohnmacht, er lässt die Zeugen sprechen und die Dokumente lesen. Man verlässt sein Buch wohltuend erschöpft, voll Hoffnung auf die Kraft der Vernunft. Das Volk sind andere.