Teheran ist eine einzige Open-Air-Galerie: mit haushohen Wall-Paintings, Billboard-Art und Medienkunst auf großformatigen LED-Screens. Die Inhalte sind allerdings meist dieselben: Selbstrepräsentationen des theokratischen Regimes und inszenierter "Märtyrer"-Kult, der sich auf gefallene Soldaten des Iran-Irak-Krieges vor 30 Jahren bezieht.

Im trotzigen Kontrast zur Propaganda steht in der staubigen, vom Smog geplagten Megastadt eine betont zügellose, von der dritten und vierten nachrevolutionären Generation getragene Underground-Visualität aus Fotos exzessiver Partys in sozialen Netzen, Graffiti oder Bildern verbotener Modeschauen. Der Reiz, aber auch die Tragik der ungemein vitalen Kunstproduktion resultieren aus dem Spiel mit den antagonistischen Bildwelten der Islamischen Republik und subtilen Manövern haarscharf an der Zensur vorbei.

Um das iranische Kunstwunder zu verstehen – rund 200 Galerien gibt es allein in Teheran, circa 60 widmen sich der Gegenwartskunst –, muss man weiter südlich blicken, nach Dubai. 2007 wurde die Kunstmesse Art Dubai zum ersten Mal abgehalten. Der Iraner Farhad Moschiri war im selben Jahr der erste Künstler des Mittleren Ostens, der bei einer Auktion die Millionen-Dollar-Grenze durchbrach. 2008 zog der Bildhauer Parviz Tanavoli bei Christie’s in Dubai nach: Mit der Summe von 2,8 Millionen Dollar für The Wall (Oh Persepolis) ist er Rekordhalter.

Die iranischen Kunstgrößen sind in Europa bislang wenig bekannt. Durch das bevorstehende Gastspiel des Teheraner Museums für zeitgenössische Kunst (TMoCA) in Berlins Gemäldegalerie (4. Dezember 2016 bis 26. Februar 2017) wird man einige kennenlernen können. Zum Beispiel Faramarz Pilaram, einen Vertreter der Moderne mit Elementen iranischer Volkskunst und schiitischer Kultur verschmelzenden Sakka-Chaneh-Bewegung der sechziger Jahre, oder Mohsen Vaziri Moghaddam, der 2004 im TMoCA gemeinsam mit Gerhard Richter ausstellte.

"Der wichtigste Marktplatz für moderne und zeitgenössische iranische Kunst ist Dubai, der wichtigste Hub für aktuelle Kunst aber ist Istanbul – weil dort, verglichen mit den islamischen Gesellschaften Dubais und Teherans, eine größere Offenheit herrscht", sagt der Teheraner Galerist Ehsan Rasoulof. Der 38-Jährige ist Inhaber der 2010 gegründeten Mohsen-Galerie im Teheraner Norden, aber noch mehr als das: Der Sohn eines reichen Bankers und ehemaligen stellvertretenden Ministers für "Agriculture Jihad" hat in der iranischen Hauptstadt binnen weniger Jahre ein verschachteltes Imperium aus kommerziellen und Non-Profit-Plattformen aufgebaut. Er fördert iranische Nachwuchskunst, aber auch Rock- und Punkmusik und steht hinter der Tehran Annual Digital Art Exhibition (Tadaex).

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Mit seinem legeren Outfit und den sportlichen Sneakers könnte der Kulturunternehmer auch als Künstler durchgehen. Seine Galerie hat er nach seinem Bruder Mohsen benannt, einem Fotokünstler, der 2008 im Alter von 24 Jahren bei einem Flugzeugabsturz in Kirgisistan ums Leben kam. Als Nächstes plant Rasoulof ein Museum mit hochkarätigen Ausstellungen aktueller internationaler Kunst. Die jüngsten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen stimmten ihn optimistisch. Eine jüngere Wählergeneration hat politische Veränderungen eingeleitet, und die Autoritäten haben das akzeptiert. Ihm gehe es darum, "öffentlichen Raum zurückzugewinnen", sagt Rasoulof.

In Teheran ist das bereits erlebbar. Der Galerienbummel am Freitag ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens jüngerer, gebildeter Teheraner geworden. "Openings", also Vernissagen, sind in dem repressiven Land Öffnungen in einem tieferen Sinn. Galerien sind Oasen ungezwungener Begegnung, Orte des intensiven geistigen Austauschs und Teil dessen, was im Iran "Lifestyle Movement" genannt wird: die Erweiterung von Räumen ohne direktes Adressieren der Politik.

Als jüngster Ableger des Rasoulof-Imperiums kam diesen Sommer ein internationales Atelierhaus inmitten des Teheraner Künstler- und Galerienviertels Bahar hinzu. Zum sogenannten Soft Opening gab es eine Ausstellung Studierender der Klasse Ursula Neugebauer von der Berliner Universität der Künste: Diese zeigten Malereien mit Zucker-Zitrone-Konzentrat, Installationen mit Kunst- und Naturhaar und eine von einem Balkon in Damaskus aufgenommene Explosion. Die Ausstellungsräume füllten sich im Nu mit Besuchern, auch Tschador-Trägerinnen schauten vorbei.