"Ich verstehe ja selbst nicht, dass die Leute meine Fresse noch nicht satthaben, dass meine Sprüche sie noch nicht langweilen." Thomas Wiesel ist verlegen. Richtig verlegen. Das zeigt sich daran, dass er im Sitzen seine Beine umfasst, sie reibt, dass sein Blick irgendwo an der Zimmerdecke entlangwandert, während er über seinen Erfolg staunt.

Sonntagnachmittag in Lausanne. Im Wohnzimmer einer Wohngemeinschaft. Ein blaues Sofa, das nicht schön, aber bequem ist, darauf eine Wolldecke und auf der Decke: Thomas Wiesel, 27-jährig, in T-Shirt und Shorts, gerade zurück von einer Partie Basketball mit Freunden.

Der schlaksige, unauffällige junge Mann, der von sich selbst behauptet, er sei schüchtern, ist dabei, ein Star zu werden. In der Westschweiz – und weit darüber hinaus.

Das kam so: Bis zum Januar war Thomas Wiesel einer von zehn, zwölf Romands, die als junge Stand-up-Comedians an Festivals auftraten, sich an Wettbewerben maßen und im Internet ihre Videos posteten. Seit vier Jahren hatte Wiesel das gemacht, mit einigem Erfolg; er hatte auch schon eine eigene Kolumne in einem Privatradio.

Im Januar dann lästert Wiesel in einem seiner Videos über den Werbeprospekt der SVP zur Durchsetzungsinitiative. Er stellt den Beitrag auf Facebook – wenig später ist sein Konto gesperrt. Wiesel twittert den Zwischenfall, und es kommt zum "Streisand-Effekt": Die Zensur wird im Web, in den Zeitungen zum Thema, das Video zum Renner.

Neun Monate später ist Wiesel regelmäßiger Gast im Westschweizer Radio, das Nachrichtenmagazin L’Hebdo heißt ihn vergangene Woche auf der Frontseite als neuen Kolumnisten willkommen, und Wiesel hat’s ins französische Fernsehen geschafft, der Ritterschlag für jeden Westschweizer Künstler. Er sitzt als Gast in der neuen Satiresendung Quotidien von Yann Barthès auf TF1.

"Im Ausland höre ich oft: 'Du bist aber lustig für einen Schweizer!'", sagt Wiesel. "Die sehen uns als Teilnehmer einer Art Paralympics."

Seinen Nummern hingegen fehlt die Schweizer Behäbigkeit. Wiesel ist schnell, furios – und schamlos.

Auf TF1 frotzelt Wiesel über den französischen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy: "Der glaubt nicht an die Erderwärmung, aber an seine Wiederwahl. Der Mann hofft, dass das Gedächtnis der Wähler noch kürzer ist als seine politische Auszeit." Und über Alain Juppé, den ehemaligen Premierminister, sagt Wiesel, der Schweizer mit jüdischer Abstammung: "In vier Büchern hat er sein Programm veröffentlich. Denkt er, jemand liest vier Bücher? Das ist zu viel, der bringt’s nicht auf den Punkt. Hitler hat nur ein Buch geschrieben, da stand alles drin."

Wiesel will unverschämt sein. Er ist politisch, er steht links und kennt keine Tabus.

Aber er versichert, dass er im Zweifel lieber auf eine Pointe verzichte, als zu weit zu gehen. Er provoziere nur, wenn es berechtigt sei.

Ein Beispiel? Als der ehemalige CVP-Parteipräsident Christoph Darbellay vor einigen Tagen sein außereheliches Baby öffentlich anerkannte, gratulierte ihm Wiesel. Dazu, dass Darbellay kühlen Kopf bewahrt und seinen Fehltritt nicht voreilig öffentlich gebeichtet habe: "Mit ein wenig Glück hätte die Mutter eine Fehlgeburt gehabt."

Natürlich, so ein Satz sei verletzend, sagt Wiesel. Aber ihm sei es darum gegangen, die Doppelmoral des Familienpolitikers sichtbar zu machen. Wiesel mag keine Tabus. Auch nicht in eigener Sache. In seinem Programm macht er Witze über seine Sterilität und sogar über den frühen Tod seiner Mutter. "An dem Abend, als mein Vater erstmals mein Programm sah, da zählte für mich nur eines: wie er und seine neue Partnerin das aufnehmen." Das ganze übrige Publikum war ihm an dem Abend völlig egal. Als die beiden nach der Vorstellung zu ihm kamen und sagten, es sei schön gewesen und dass sie gelacht hätten – "das war der wichtigste Moment für mich".

Trotzdem: Warum reißt er Witze über seine tote Mutter? Wiesel rutscht auf dem blauen Sofa hin und her. "Das ist eine Art Exorzismus. Ich habe lange gebraucht, um das auszusprechen. Und unter Freunden schaffe ich das noch immer nicht, weil sich danach alle schlecht fühlen. Aber auf der Bühne kann ich schwierige Dinge ansprechen, Erfahrungen teilen, und wir können gemeinsam lachen."

Sein Publikum spürt, dass der Mann meint, was er sagt

Seine Schamlosigkeit ist eine Gratwanderung, das weiß Wiesel. "Wir mögen es, wenn sich jemand etwas traut – aber wir lieben es, Leute fertigzumachen, wenn sie einen Fehler begehen." Genauso schnell wie ihm das Internet zu Berühmtheit verhalf, kann das Netz zur Falle werden: Ein Video von wenigen Sekunden, das einen Schritt zu weit geht – und schon entlädt sich der Shitstorm.

Als Wiesel im Frühling einen Beitrag über den deutschen Komiker Jan Böhmermann auf Facebook stellte, prasselten Hassmails auf ihn nieder. Türkische Nationalisten beschimpften ihn als Rassisten, posteten Plakate seiner kommenden Auftritte und drohten ihm, sie würden ihn dort erwarten, um ihm die Visage einzuschlagen. "Die Drohung ist Quatsch: Ich hatte ja nie wegen meines Aussehens Erfolg."

Aber er habe sich damals tatsächlich überlegt, ob er die Polizei einschalten solle. Seit den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo ist ihm bewusst: Seine Arbeit kann gefährlich sein, wenn er mit seinen Scherzen Leute verärgert, die seinen Humor nicht verstehen.

Ärgern, provozieren, das allein ist nicht Wiesels Ziel. Er will überraschen, zum Lachen bringen, zum Nachdenken anstacheln.