"Am Mittwoch, dem 28. August, um neun Uhr dreißig, im vollen Blickfeld von zehn Millionen Menschen, öffnete sich plötzlich die kleine Tür in William F. Buckley jr.s Stirn, und heraus sprang der wilde Kuckuck, von dem ich schon immer wusste, dass er dort wohnt, und von dem ich mir so sehr gewünscht hatte, dass auch andere, idealerweise Millionen andere, einen guten Blick auf ihn werfen könnten. Diese wenigen Minuten des Wahnsinns waren es wert, große Geduld auf meiner Seite zu haben."

Diese Worte schrieb der liberale amerikanische Intellektuelle Gore Vidal im Jahre 1968, nachdem er es geschafft hatte, einen erzkonservativen Gegner in einer TV-Debatte verlieren zu lassen. William Buckley beschimpfte Vidal als Schwuchtel, dem er die Fresse polieren werde. Buckley erholte sich nie wieder von der Entgleisung. Etwas Ähnliches hatte sich auch Hillary Clinton am Montag für ihre Debatte mit Donald Trump erhofft.

Ihre Medien- und Imageberater, Spindoktoren genannt, beginnen schon früh am Nachmittag damit, die ersten Köder auszuwerfen. Um 15 Uhr arbeitet sich Clintons Kommunikationschefin Jennifer Palmieri durch die sogenannte Spin-Row, dort, wo die Journalisten sitzen. Der Raum befindet sich direkt hinter dem Saal der Hofstra-Universität in Long Island, wo Trump und Clinton wenige Stunden später aufeinandertreffen werden. Dort, zwischen Reihen voller Fernsehkameras und Hunderten von Laptops, im Herzen der Medienberichterstattung, geht es mehr als irgendwo anders darum, der Bewertung der Debatte schon früh den gewünschten Dreh mitzugeben. Denn an diesem Montag schenken viele Amerikaner dem Präsidentschaftswahlkampf zum ersten Mal wirklich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Noch immer wissen zwanzig Prozent der Amerikaner nicht, wen sie wählen wollen. Um diese Unentschiedenen geht es den Spindoktoren.

"Wir erwarten einen sehr disziplinierten Trump", sagt Palmieri immer und immer wieder. Vor allem ein Wort wiederholt sie den ganzen Nachmittag über fast ein bisschen genüsslich: langweilig. "Ich glaube, Donald Trump wird langweilig sein." Es ist, als spreche sie direkt zu Trump, als wolle sie ihn aus der Reserve locken, indem sie ihm sagt: Du traust dich nicht, so zu sein, wie du bist, und darum wirst du wie ein normaler Politiker wirken: langweilig. Palmieri scheint zu hoffen, dass Trump versucht sein wird, ihr genau das Gegenteil zu beweisen.

Doch die Trump-Leute bringt das nicht aus der Ruhe. Ihr Kandidat liegt inzwischen nur noch einen Prozentpunkt hinter Clinton. Katrina Pierson, die Pressesprecherin der Trump-Kampagne, sagt daher nur, dass Trump in der Debatte einfach Trump sein werde. Sorgen? – "Nein. Warum?"

Um 21 Uhr, pünktlich zum Beginn der Debatte, verschwinden die Spindoktoren, um nach 90 Minuten, als Clinton und Trump ihre letzten Sätze vor schätzungsweise 100 Millionen Zuschauern gesagt haben, zurückzukommen und sofort den Kampf um die Frage aufzunehmen: Wer hat die Debatte gewonnen?

Mitarbeiter und Unterstützer der beiden Präsidentschaftsbewerber betreten die Spin-Row und halten große Schilder mit ihren Namen hoch. Der Einzug ähnelt den Eröffnungsfeiern Olympischer Spiele. In wenigen Minuten legen sich mehrere Ringe von Journalisten um die Spindoktoren, Kameralichter gehen an, Mikrofone und Aufnahmegeräte werden über die Schulter des Vordermannes in die Mitte des Rings gestreckt. Schnell wird klar, dass Trump den Amerikanern den Kuckuck zwar nicht gezeigt hat, dass dieser aber einige Male ganz gut zu erahnen war.

Das hat auch das Trump-Team gemerkt, deshalb ist es im ersten Moment nicht zu sehen. Die Szene dominieren Robby Mook, Clintons Kampagnenleiter, Brian Fallon, Clintons Pressesprecher, und David Plouffe, Barack Obamas ehemaliger Strategiechef.

David Plouffe: "Je länger die Debatte fortschritt, desto schwieriger fiel es Trump, sich zu konzentrieren. Desto chaotischer wurden seine Antworten. Das sollte den Amerikanern wirklich Angst einjagen." Robby Mook: "Hillary war die Einzige, die klare politische Lösungen vorgetragen hat. Trump warf es total aus der Bahn, Hillary Clinton hat die Debatte klar gewonnen."

Erst später stoßen die Trump-Leute dazu. "Fuck, let’s do this", hörte man einen von ihnen sagen. Sie wirken überraschend wortkarg und unbeholfen.

Jason Miller, Trumps Medienberater: "Donald Trump hat ehrlich und mit Überzeugung zu den Menschen gesprochen." Rudy Guiliani: "Ich war geschockt, wie wenig Hillary von Wirtschaft versteht. Die Steuern müssen runter, das weiß doch jedes Kind."

Und dann kommt Trump selbst. Während Clinton das Gelände der Universität schnell verlässt, hält Trump samt Familie in der Spin-Row Hof. "Mir hat das wirklich großen Spaß gemacht", sagte er gut gelaunt. "Heute war ein sehr erfolgreicher Tag. Ich fühle, ich habe die Debatte gewonnen."

Es wäre nicht das erste Mal, dass alle Welt ihn als Verlierer sieht, er in der Wählergunst dennoch steigt.