Der Kolumnist des Wall Street Journal fand einen hübschen Vergleich für das Match Clinton – Trump. Millionen von Amerikanern hätten fiebernd vor den Bildschirmen gesessen, weil sie ein Remake jenes legendären Boxkampfs erwarteten, bei dem Mike Tyson seinem Gegner das Ohr abbiss. (Tyson verlor Titel und Boxlizenz und musste drei Millionen Dollar Strafe zahlen.)

Am Montagabend floss kein Blut, und es gab auch keinen Knock-out. Wer ist dann der Sieger? Die CNN-Schnellumfrage verkündet: Es steht 62 zu 27 Prozent für Clinton. CNBC, ein Sender, der das linke Gegenstück zum Rechtsausleger Fox ist, meldet das Gegenteil. Trump kriegt 61, Clinton nur 39 Prozent. Die Debatte hätte demnach nichts entschieden; Amerika muss weiterfiebern und auf das zweite und dritte Match warten.

Was hätte denn eine Entscheidung gebracht?

Es war Clintons strategische Aufgabe, den Gegner so lange vor sich herzutreiben, bis er in einem Wutanfall bestätigte, was so viele Amerikaner ängstigt: dass dieser bösartige Clown total ungeeignet für das Präsidentenamt sei. Dass er abermals kritische Wählergruppen beleidige: Frauen, Hispanics, Muslime, Schwarze. Trump wiederum musste Clinton als Apparatschik, als Ikone des Status quo und abgenutzte Berufspolitikerin darstellen, die eine Kette von Lügen und Korruption hinter sich herzieht.

Ihre Ziele haben beide nicht erreicht. Trump blieb cool, und Clinton zeigte sich von ihrer besten Seite. Sie war perfekt vorbereitet, hatte Zahlen und Fakten parat und ließ Trumps Geraden an sich abgleiten. Wo der versuchte, einen rechten Haken zu landen, wich sie elegant aus, zum Beispiel, als Trump ihre geheimen E-Mails in den Ring zerrte. Da wurde Clinton ganz handzahm und entschuldigte sich: "Ich mache keine Ausreden. Es war ein Fehler, und ich übernehme die Verantwortung."

Hier und da konnte Trump punkten. Als Clinton sich als Profi, Trump als Amateur feierte, kontert der: "Ja, sie hat Erfahrung, aber es sind üble Erfahrungen." Dennoch müsste ein unbefangener Ringrichter nach 90 Minuten konstatieren: Clinton hat den Mann zu oft in die Defensive drängen können und so nach Punkten gewonnen.

Der wahre Ringrichter ist allerdings das Wahlvolk. Die 40 Prozent plus X, die Trump wollen, scheren sich nicht um dessen Ausfälle und wundersame Erzählungen. Dagegen ist Clinton sozusagen Merkel, die Berechenbare, die man kennt, die dem Land keine Achterbahnfahrt verheißt. Andererseits ist Trump sehr weit mit einer Strategie gekommen, die gegen das Immer-weiter-so ficht und mächtige Gefühle bedient. Make America great again! Weg mit dem Establishment! Nieder mit der Political Correctness!

Da tritt nicht eine Merkel gegen einen Gabriel an – mit etwas mehr von diesem oder weniger von jenem. Es ist ein Kulturkampf, in dem Symbole und Emotionen gegen Status quo und Polit-Handwerk stehen, wo es nicht um etwas mehr links oder rechts geht. Wahrscheinlich wird Clinton das finale Match am 8. November gewinnen. Doch das große Heer der Unentschiedenen läuft noch nicht zu ihr über. In einer Fokusgruppe, organisiert von den Demokraten, bekundete die Mehrheit, keiner habe gewonnen. Die Schlüsselfrage bleibt: Wer hätte gedacht, dass Trump seine 16 republikanischen Rivalen, meist gestandene Profis, im Vorwahlkampf aus dem Ring werfen würde?

Wer führt in den Umfragen?