In der verständlichen Erleichterung vieler Beobachter über Hillary Clintons souveränen Auftritt beim TV-Duell droht der erhellendste Moment unterzugehen. Er kam erst kurz vor Schluss – ein rarer Augenblick der Wahrheit in einem Wahlkampf voller Lügen und Verdrehungen.

Es war in der 86. Minute des Fernsehduells, als Hillary Clinton plötzlich und übergangslos das Wort an Amerikas "Freunde in der Welt" richtete: "Sie sollen wissen, dass unser Wort zählt." Clinton wollte sagen: Wir Amerikaner (ich jedenfalls) stehen zu unseren Verträgen und Verpflichtungen. Nein, wir werden nicht mal einfach so die Nato in die Tonne treten, Handelsabkommen aufkündigen, unsere Staatsschulden nicht bedienen oder den Iran-Deal schreddern (wie mein Mitbewerber vorschlägt).

Das hört man gern. Allerdings: Dass die ehemalige US-Außenministerin und (vielleicht ja doch!) künftige Präsidentin der Weltöffentlichkeit versprechen muss, man werde die verrücktesten Vorschläge schon nicht umsetzen – das ist für sich genommen auch wieder ein irrer Moment.

Clinton hat da etwas erspürt. Das kleine schmutzige Geheimnis hinter dem weltweit rekordverdächtigen Interesse an diesem Wahlkampf ist nämlich dieses: Die Welt fürchtet sich wieder vor den USA. Mit dem alten Antiamerikanismus hat das nichts zu tun. Denn die Furcht wird diesmal nicht von Amerikas Übermacht, sondern im Gegenteil von seiner irrlichternden Schwäche ausgelöst, perfekt verkörpert durch den pubertär-aggressiven Narziss Donald Trump.

Es ist so wichtig, zu verstehen, worum es hier geht, für Amerika – und für die Welt

Die Rezensenten haben nahezu unisono gelobt, es sei Clinton gelungen, mit der richtigen Melange aus Sachlichkeit und Angriffslust Trumps Panzer zu knacken. Man sollte bloß nicht allzu viel Hoffnung auf bleibende Wirkungen setzen und sich überhaupt mit Prognosen zurückhalten. Donald Trump hätte nie so weit kommen dürfen. Das allein sollte genügen, nichts, aber auch gar nichts für undenkbar zu halten.

Darum ist es so wichtig, zu verstehen, worum es hier geht, nicht nur für Amerika, sondern für die Welt. Dieses Duell ist so umstellt mit Klischees, dass man seine Bedeutung kaum mehr erkennen kann: Außenseiter gegen Etablierte, aufbrausender Geschäftsmann gegen hochnäsigen Politik-Nerd, beide intransparent, beide wenig vertrauenswürdig, beide ungeliebt. So ist die Kampflage zigmal beschrieben worden.

Höchste Zeit, sich nicht länger von den Lichteffekten dieser größten Show auf Erden blenden zu lassen. Das Duell hat nämlich durchaus etwas Neues gebracht, und das ist Hillary Clinton zu verdanken. Es greift zu kurz, ihren Auftritt danach zu bewerten, ob sie nun genau die richtige Dosis Herzenswärme in ihr unbestrittenes Expertentum gemischt hat. Die geschmäcklerische Charakter-Begutachtung vieler Medien ist Teil des Problems. Es macht unsichtbar, was hier aufeinandertrifft: eine Politik, die bestimmte Standards verteidigt, und eine andere, die deren Auflösung betreibt.

Clinton hat sich im TV-Duell für drei Errungenschaften in die Bresche geworfen, die heute in allen westlichen Gesellschaften umkämpft und von der Kraft des Autoritären bedrängt sind: die freiheitliche Weltordnung, eine rationale Politik und die offene Gesellschaft.

Clintons Botschaft lautet erstens: Amerika bleibt verlässlich, weil es an eine Welt glaubt, die (auch) auf Regeln statt (nur) auf der Macht des Stärkeren beruht. Ja, wir haben den Iran durch die Macht der Sanktionen zum Deal gedrängt. Ohne Druck wäre es nicht gegangen – aber ohne Aussicht auf Rechtssicherheit auch nicht. Ebendarum müssen wir den Deal jetzt auch einhalten.

Zweitens: Es gibt keine "postfaktische Politik". Sie muss mit der Betrachtung der Wirklichkeit und der Akzeptanz grundlegender Fakten beginnen. Der Klimawandel ist keine chinesische Erfindung, um den Westen zu schwächen, wie Trump behauptet, sondern eine Frage der Gerechtigkeit und Sicherheit für alle.

Und drittens: Offene Gesellschaften können sich nur durch Selbstkritik (an der Fortdauer von Rassismus, Sexismus und sozialer Ungerechtigkeit) verbessern. Der Weg ins Retro-Paradies, von dem Autoritäre und Identitäre überall träumen, ist verschlossen.

Auf der größten Bühne der Welt wird ein Grundsatzkonflikt ausgetragen: Sollen wir auf Regeln, Vernunft und Selbstkritik setzen oder auf Mauern, Identitäten und das Recht des Stärkeren?

Das Rennen ist offen.

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