Zum Geburtstag von Mahatma Gandhi will Indiens Regierung den Klimavertrag von Paris ratifizieren. Das wird alle Klimaschützer und sollte alle Erdenbürger freuen. Die Nachricht ist darüber hinaus für Freunde subtiler Kuriosität von Reiz, weil hinter ihr mehrere erstaunliche Einsichten stecken. Auf der Hand liegt das Kuriosum Nummer eins: Zum Ehrentag des gewaltfreien Siegers über das britische Empire reiht sich die größte Demokratie der Welt ein in den Kampf gegen das Verderben, welches die von England ausgehende Industrialisierung über die Erdatmosphäre gebracht hat.

Das zweite Kuriosum liegt darin, dass die Ankündigung einer indischen Ratifizierung für den 2. Oktober als Reaktion folgt auf die synchronen Beitrittserklärungen Chinas und der USA von Anfang September. Da erklärten die Präsidenten aus Peking und Washington einigermaßen überraschend, schnellstmöglich dem Klimavertrag beitreten zu wollen. Macht nun auch Indien mit, dann setzen ausgerechnet die drei größten Atmosphärenverschmutzer des Planeten alle übrigen Staaten unter Handlungsdruck: Wenn die schon mit von der Partie sind ...

Drittens: Nicht minder kurios und aus hiesiger Warte betrachtet besonders verstörend ist, dass Indien nun sogar der alten Kolonialmacht Großbritannien voraus ist und mit ihr dem Heimatkontinent der Luftverschmutzung – also Europa.

Hierzulande mag man sich an das Selbstbild gewöhnt haben, stets bei der Lösung von Umweltproblemen vorzupreschen. Wir Outdoorjacken-bewehrten Mülltrenner in selbst gestrickten Socken! So ähnlich wie dieses Bild, das die Deutschen von sich zeichnen, mag Europa von außen betrachtet als Ganzes wirken. Bloß steht dieses Europa im Moment ziemlich doof da. Überholt von allerhand bisherigen Treibhausgas-Schmutzfinken und womöglich bald am Katzentisch sitzend: Bei der nächsten Weltklimakonferenz im marokkanischen Marrakesch im November könnte die EU ohne Stimmrecht bei der konkreten Ausgestaltung der abstrakten Pariser Einigung dastehen.

Wie konnte das geschehen? Um das zu verstehen, muss man sich die Mechanik des späten Nachfolgers des viel gescholtenen Kyoto-Protokolls anschauen. In der Vereinbarung vom Pariser Klimagipfel im vergangenen Jahr findet sich kein Starttermin, sondern eine Beginn-Bedingung: Der Vertrag tritt erst dann in Kraft, wenn die Parlamente von mindestens 55 Staaten das Abkommen ratifiziert haben (das ist bereits erfüllt) und wenn auf diese Staaten zudem mindestens 55 Prozent des globalen Klimagasausstoßes entfallen (dazu fehlen noch wenige Prozent). Man könnte auch sagen: schon dann. Denn nachdem es lange nach einer mikadohaften Hängepartie aussah, bei der sich niemand bewegen wollte, ist nun ordentlich Bewegung im Spiel.

Bitter nur, dass diese nicht etwa aus der Einsicht erwächst, dass es in der Erdatmosphäre fünf vor zwölf ist. Nein, zur Eile treibt wohl vielmehr die Furcht vor dem High Noon in der Weltdiplomatie, für die, will man sie beschwören, zwei Worte genügen: Donald Trump. Der hat gerade den prominenten Klimaskeptiker Myron Ebell als Abwickler für die US-Umweltbehörde EPA ins Spiel gebracht und selbst den menschlichen Einfluss aufs Klima immer wieder kleingeredet (unter anderem als Konzept, das "von den und für die Chinesen erfunden" worden sei). Würde Trump im November zum US-Präsidenten gewählt und im Januar vereidigt und wäre das Pariser Abkommen dann noch nicht in Kraft – es käme wohl nimmermehr.