Alles neu

Berühmt ist diese Kirche natürlich wegen Luthers Thesentür. Jeder kennt die Tür. Aber ich möchte Ihren Blick zuerst auf etwas anderes lenken: Das schönste, erhabenste Detail dieses Bauwerks ist in meinen Augen das Kreuzgewölbe. Legen Sie den Kopf in den Nacken! Dann merken Sie: Der Mensch ist hier ein Erhobener. Wenn dazu die Orgel noch Bach spielt, Jesu, meine Freude!, dann lässt der Raum die zwei großen Kräfte der Reformation erklingen: das Wort des Glaubens und die Musik des Herzens.

Verzeihen Sie, wenn ich pathetisch werde. Ich war hier Prediger, von 1978 bis 1992, lange her. Aber ich lebe noch immer in Wittenberg. Wenn unsere Schlosskirche nach großer Sanierung (acht Millionen Euro!) nun am kommenden Wochenende wiedereröffnet wird, wenn der Bundespräsident gesprochen und die dänische Königin ihr selbst gesticktes Altartuch übergeben hat, dann lohnt sich das Hereinschauen. Auf den Sockeln rings um das Kirchenschiff stehen keine Apostel, sondern die Reformatoren selbst: Luther, Melanchthon, Bugenhagen, Spalatin ... Sie blicken zu dem hellen Altar, auf Jesus, der da nicht am Kreuz hängt, sondern ihnen mit einladender Geste die offene Hand entgegenstreckt. Es ist eine Einladung des Herrn nicht von oben herab, sondern von Mensch zu Mensch. Treten Sie 2017 ruhig einmal hinein in diese Kirche, die nicht üppig ist, aber voll von Figuren, die erzählen, was protestantisch ist. Und übersehen Sie nicht Johann Hinrich Wichern, den "Apostel der Barmherzigkeit".

Die Lutherrose

Kann es einen schöneren Schlussstein für ein Kreuzgewölbe geben als diese Rose? Das Vorbild stammt aus einem Kirchenfenster der Augustinerkirche in Erfurt, wo Luther als Mönch gelebt hat. Später verwendete er die Rose als Siegel und nannte sie ein Merkzeichen seiner Theologie: "Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rosen stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt. Darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose stehet im himmelfarben Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlische Freude zukünftig." Mit der Farbsymbolik bin ich allerdings nicht ganz einverstanden. Wenn ich könnte, würde ich die Farbe des Kreuzes, das bei Luthers Siegel drohend schwarz ist, verändern in ein hoffnungsvolles Grün oder Blau. Jedenfalls steht die sanfte Rose dieser Schlosskirche gut zu Gesicht. 1892 wurde der ganze Bau neugotisch umgestaltet zum "Denkmal der Reformation", natürlich im stolzdeutschen Stil der Zeit. Ich nenne sie auch eine wilhelminische Thingstätte des Protestantismus.

Die Kurfürsten

Solche hohen Herren sieht man nicht oft knien. Zwei deutsche Kurfürsten haben sich links und rechts vom Altar herabgelassen zu einer Verzichtsgeste: Wir sehen Friedrich den Weisen und Johann den Beständigen, im ritterlichen Harnisch, die den Helm abgesetzt und das Visier aufgeklappt haben. So demonstrieren sie, dass sie zuallererst sterbliche Menschen sind, die der Gnade Gottes bedürfen – nicht Kriegsherren und nicht Herrscher von Gottes Gnaden. Ich finde es schade, dass wir Protestanten das Niederknien abgeschafft haben. Es ist ja nicht nur eine Geste der Devotion, sondern auch der Friedfertigkeit. Wer kniet, der erfährt an sich, warum die Aufforderung im Gottesdienst ergeht: Die Gemeinde erhebt sich! Der homo incurvatus, der in sich verkrümmte Mensch, soll zum aufrechten Menschen werden. Das heißt: Der Aufgerichtete ist ein Aufrechter. Unser Glaube mache uns aufrecht und drücke uns nie nieder!

Die Fenster

Den farbigen Kontrast zum französischen Sandstein (Achtung: Kriegsbeute!) bilden die Kirchenfenster. Wir sehen hier die Wappen deutscher Städte wie Wittenberg, Danzig, Posen. Sie bilden eine Landkarte des Protestantismus, der gesamtdeutsch sein will.

Thesentür und Turm

"Aus Liebe zur Wahrheit und im Bestreben, diese zu ergründen": So beginnt Luther seine 95 Thesen, und damit ist die Kernbotschaft klar. Hier hat einer nicht die Wahrheit und die Weisheit gefressen, mit allen römischen Ingredienzien, sondern will sie ergründen. Wer Latein kann, liest hier an der Tür die ganze Streitschrift gegen den Ablasshandel: dass man Gott nicht bestechen kann, dass nicht äußere Bußleistungen zählen, sondern dass das ganze Leben Buße ist, Umkehr und Erkennen falscher Wege. Provokant ist auch das Tympanon darüber, ein Mosaik: Neben Jesus am Kreuz knien Luther (mit der Bibelübersetzung) und Melanchthon (mit der Confessio Augustana). Hinter ihnen erstreckt sich nicht Golgatha, sondern Wittenberg: das neue Jerusalem, das deutsche Rom.

Zum Kirchturm kann ich nur sagen, dass er leider ein Wehrturm ist. Statt der kämpferischen Banderole "Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen" hätte ich mir etwas Demut gewünscht: "Mit unsrer Macht ist nichts getan"!

Zwei neue Kunstführer zur Schlosskirche erscheinen im Verlag Schnell und Steiner