Wenn Friederike Wertheim*, 94, durch ihren Garten in Frankfurt-Sachsenhausen läuft, ist sie nie ganz zufrieden. Dabei haben ihre Rosen üppige Spätsommerblüten hervorgebracht, der Rasen ist gestutzt, und über einem Goldfischteich tanzen glitzernde Libellen. "Leider schaffe ich das hier alles nicht mehr so wie früher", sagt Wertheim seufzend und zupft im Vorbeigehen schnell ein paar welke Blätter aus einem Busch.

Drinnen, im Wohnzimmer, wartet Wertheims neue Untermieterin: Olga, dunkle Lockenmähne, Ringelshirt, durchlöcherte Jeans. Die 22-jährige Ukrainerin will in Frankfurt studieren und bewohnt seit Anfang des Monats eines der früheren Kinderzimmer in Wertheims Haus. Sie zahlt nur 120 Euro Miete, weil sie als Gegenleistung bei Einkäufen und kleineren Hausarbeiten hilft.

Für solche Wohnmodelle interessieren sich neuerdings auch Berliner Rentenpolitiker. Sie wollen im Herbst gleich eine ganze Serie von Reformen anschieben, und dafür werden neue Ideen dringend gesucht. CDU, CSU und SPD stehen vor einem fast unlösbaren Problem: Einerseits wollen sie Gesetze und Wahlprogramme vorlegen, mit denen sie etwas gegen Altersarmut unternehmen. Andererseits können sie keine Reformen vorschlagen, die einseitig die jüngere Generation belasten. Schließlich kosten schon die Anfang der Legislaturperiode eingeführten Gesetze für Mütter im Rentenalter sowie die Rente ab 63 jedes Jahr Milliarden, die berufstätige Beitragszahler finanzieren müssen.

Die Herausforderung, ärmeren Alten helfen zu wollen, ohne die Beiträge zu sehr zu erhöhen, hat bei Sozialpolitikern einen Kreativitätsschub ausgelöst. Plötzlich wird vieles diskutiert, was lange undenkbar schien: Einige Politiker wollen die Rente von der Lebenserwartung abhängig machen. Weil Arme früher sterben, sollen sie mehr Geld bekommen. Andere wollen die Sozialbeiträge nach Einkommen staffeln. Wieder andere entdecken die Wohnungspolitik. "Wenn eine Rentenerhöhung von 50 Euro durch die nächste Mietsteigerung wieder aufgefressen wird, nützt sie nichts", sagt Familienministerin Manuela Schwesig.

Auch im noch unveröffentlichten Altenbericht der Bundesregierung fordern Forscher wie der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse, Stadtplanung und Wohnungsbau stärker auf alte Menschen auszurichten. Nicht nur in den Metropolen, sondern auch auf dem Land bereite der Wohnungsmarkt Rentnern massive Probleme. Dort sinkende Immobilienpreise machten es schwer, oft sogar unmöglich, Eigenheime wie geplant zu verkaufen. Unterhalt und Reparaturen seien oft schwer zu finanzieren. Kruse rechnet deshalb sogar damit, dass die Bundesregierung bald über Heizkostenzuschüsse für ärmere Alte nachdenken wird, so wie es sie in Großbritannien gibt, wo im Winter immer wieder Rentner in ihren Wohnungen erfrieren.

In Deutschland ist die Altersarmut bisher viel niedriger. Aber immer mehr Rentner erleben, dass von ihren Einkünften zu wenig übrig bleibt, weil das Wohnen so teuer geworden ist. "Die Miete muss zur Rente passen", plakatierte vor der Landtagswahl in Berlin eine neu gegründete Mieterpartei.

Wenn Menschen in zu großen Wohnungen ausharren, weil kleinere Alternativen nicht vorhanden oder genauso teuer sind, während Familien und Zugezogene verzweifelt suchen, sprechen Ökonomen von einem Lock-in-Effekt. Ulrich Schöntube, Pfarrer in Berlin-Frohnau, kennt das Thema aus seiner Kirchengemeinde. In Frohnau stehen prachtvolle Villen, deren Inhaber nur wenige Zimmer benutzen und sich von Sicherheitsdiensten schützen lassen. Wer mit Schöntube durch seine Gemeinde läuft, versteht schnell, dass der Lock-in-Effekt auch Wohlhabenden zusetzen kann.

Initiativen wie "Wohnen für Hilfe", die es mittlerweile in 35 deutschen Städten gibt, sind eine von vielen Antworten auf den Lock-in-Effekt. Sie vermitteln Wohnungssuchende an Menschen, die viel Platz haben, Unterstützung im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung brauchen oder einfach nicht allein wohnen wollen.

So war es auch bei Friederike Wertheim. Ihre vier Kinder überredeten sie, sich bei Wohnen für Hilfe zu melden. "Sie machen sich seitdem weniger Sorgen", erzählt sie. "Das zu wissen entlastet mich." In Wertheims Wohnzimmer stehen Regale voller in Leder gebundener Klassiker der Weltliteratur. Auf dem Esstisch, die alte Frau hat Plätzchen serviert, steht eine silberne Zuckerdose. Wer aus dem Fenster schaut, sieht auf dem Rasen ein blaues Schaf, eine Skulptur, die ihr Freunde schenkten.