Als mein Neffe bei der Einschulung in eine bayerische Grundschule in den Achtzigerjahren gefragt wurde, ob er evangelisch oder katholisch sei, antwortete der damals Sechsjährige: "Ich bin deutsch!" Die Lehrerin wertete die Antwort als ein Anzeichen dafür, dass die konfessionelle Bindung und Bildung in deutschen Elternhäusern rückläufig sei. Man kann die Antwort des Sechsjährigen aber auch als Hinweis auf eine religiöse Dimension deuten, die gerne übersehen wird: als ein Bekenntnis zur und als Identifikation mit der eigenen Nation. Nationen sind imaginierte Gemeinschaften. Eine Vorstellung vom Ursprung, dem gegenwärtigen Zustand und der Bestimmung des eigenen Gemeinwesens – und der eigenen Rolle darin – wird nur allmählich ausgebildet. Die Institution, die die dafür notwendigen Narrative bereitstellt, ist die öffentliche Schule.

In der Schule werden aus Menschenkindern Bürgerinnen und Bürger. Gelingt die angestrebte Sozialisation, dann empfinden sich junge Menschen als Teil ihres Gemeinwesens und sind bereit, dafür Opfer zu bringen. In der Regel sind das finanzielle Opfer in Form von Steuern, aber Bürgerinnen und Bürger opfern auch Zeit als Ehrenamtliche, und einige sind sogar bereit, als Polizisten, Feuerwehrleute und Soldaten ihr Leben für ihr Gemeinwesen zu opfern.

Warum wird für diesen Sachverhalt der Begriff der Zivilreligion bemüht? Würden Begriffe wie "Patriotismus" oder "Vaterlandsliebe" nicht genügen? Sie genügen nicht, denn sie beschreiben nur ein mehr oder weniger ausgeprägtes Gefühl einzelner Bürgerinnen und Bürger. Es handelt sich bei der Zivilreligion aber nicht um die beliebige Gesinnung Einzelner. Wie jede andere Religion auch hat die Zivilreligion eine die Individuen verpflichtende, orientierende und motivierende Kraft. Dieser verpflichtende, orientierende und motivierende Impuls geht aber nicht von Einzelnen aus, sondern vom Gemeinwesen selbst. Dieses legt die Grundüberzeugungen, die Verhaltenserwartungen und die kollektiven Rituale fest. Wer nach Zivilreligion fragt, der fragt immer danach, wie das Gemeinwesen selbst – gewissermaßen als Kollektivsubjekt – seinen Bestand sichert.

In einem Land, das aufgrund der Religionsfreiheitsgarantie religiös plural verfasst ist, muss sich die Zivilreligion des Gemeinwesens mit einer Vielzahl von anderen Religionen ins Verhältnis setzen. Eine staatseigene Zivilreligion, die mit den religiösen Traditionen der Bürgerinnen und Bürger kollidiert, hat keinen Bestand. Das Schicksal der totalitären Diktaturen im 20. Jahrhundert legt davon beredt Zeugnis ab. In liberalen Demokratien können die Religionsgemeinschaften das Gemeinwesen, in dem sie leben, auch aus religiösen Gründen bejahen und ihm Gottes Segen wünschen. Und umgekehrt kann das Gemeinwesen die Religionsgemeinschaften dazu einladen, an den zivilreligiösen Narrativen und Ritualen mitzuwirken.

In Deutschland sind Staat und Kirchen nicht strikt getrennt, vielmehr kooperieren sie miteinander. Das bedeutet freilich nicht, dass alles Religiöse an die Kirchen delegiert worden wäre. Ich verblüffe meine Studierenden gerne damit, dass ich ihnen den folgenden Artikel aus einer Landesverfassung vorlese und sie dann raten lasse, um welches Bundesland es sich handelt. Der Artikel lautet: "Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung." Die Mehrheit meiner Studierenden tippt sofort auf Bayern und ist dann sehr überrascht, dass das Land Nordrhein-Westfalen im Artikel 7 seiner Landesverfassung alle Lehrkräfte – evangelische, katholische, jüdische, islamische, konfessionslose – zur Erziehung zur Ehrfurcht vor Gott verpflichtet.

Dieser Gott kann dann schwerlich der Gott nur einer Konfession sein. Der Gott des Grundgesetzes und vieler Landesverfassungen ist weder exklusiv katholisch, lutherisch, jüdisch oder islamisch – er hat vielmehr inkludierenden Charakter. Dieser Gott ist offenbar ein dogmatisch unbestimmter Garant für Menschenwürde und Gerechtigkeit. Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, diesen unbestimmten Gottesbegriff mit den Gottesvorstellungen ihrer je eigenen konfessionellen Tradition näher zu bestimmen – vorausgesetzt, der eigene Gott ist imstande, die Gewissheiten des Gemeinwesens über seinen Ursprung, seine Verfassung und seine Bestimmung zu bejahen, mithin dazu seinen Segen zu geben. Dass der Islam dazu nicht imstande wäre, ist die Befürchtung erstaunlich vieler Deutscher.

Dass es sich bei der Zivilreligion um mehr handelt als um individuelle patriotische Gefühle, wird besonders dann evident, wenn sich das Gemeinwesen in seinem Bestand gefährdet sieht. Die Terroranschläge der letzten Jahre und Monate waren nicht nur eine sicherheitspolitische, sondern auch eine zivilreligiöse Herausforderung. Terror, der Angst und Schrecken verbreiten will, untergräbt das Vertrauen in die Vernunft, Friedfertigkeit und Gesetzestreue der Mitmenschen. Wenn Menschen ihren Mitmenschen nicht mehr trauen können, ist ein Gemeinwesen am Ende. Zivilreligiöse Trauerfeiern dienen der Wiederherstellung dieses Vertrauens.

Zivilreligionen waren im heroischen Zeitalter ohne das ehrende Gedenken an diejenigen, die sich für das Gemeinwesen geopfert hatten, undenkbar. Doch es scheint, als sei das heroische Zeitalter vom tragischen abgelöst worden. So haben es jedenfalls Didier Fassin und Richard Rechtman in ihrer Untersuchung The Empire of Trauma. An Inquiry into the Condition of Victimhood aus dem Jahre 2009 auf den Begriff gebracht. Opfer (als victims, nicht als sacrifice) nähmen deshalb heute eine so prominente Rolle in westlichen Gesellschaften ein, weil am öffentlichen Umgang mit ihnen sich das kollektive Bewusstsein seiner moralischen Verantwortung vergewissere. Die Würde des Menschen werde gerade so gesichert, dass man sich öffentlich derer erinnert, deren Würde verletzt wurde. Am Tragischen justiere das Gemeinwesen seine moralische Ökonomie. Nicht mehr das Opfer, das man bringt, findet Beachtung, sondern das Opfer, das man ist.