In den guten alten Zeiten, als sich Links und Rechts noch klar unterscheiden ließen, wäre das Aufeinandertreffen der Frontfrauen von Linkspartei und AfD zu einer kleinen Sensation geraten. Doch heute, wo sich das Parteiensystem, wie wir es kannten, in Auflösung befindet und überall in Europa die politischen Extreme sich aufeinander zubewegen, bieten Sahra Wagenknecht und Frauke Petry in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein gepflegtes, geradezu harmonisches Miteinander. Was als Streit scharfer politischer Gegnerinnen gedacht war, wirkt eher wie die Ankündigung einer unwiderstehlichen Liaison. Fehlte eigentlich nur noch Horst Seehofer.

Dass die beiden Damen sich nahekommen, ist nicht wirklich überraschend. Europa-Skepsis, die Rückbesinnung auf die Nation oder Abwehr gegenüber Flüchtlingen gehören nicht nur in der AfD, sondern auch in Teilen der Linkspartei zum politisch-emotionalen Grundbestand. Genauso wie das Unbehagen an der Globalisierung, die Affinität zu Putins Russland oder die Aversion gegenüber den USA. So kann Petry die Forderung von Wagenknecht, Flüchtlinge nicht mehr nach Europa kommen zu lassen, sondern sie lieber in ihrer Heimat zu versorgen, als originäre AfD-Position loben. Eher pflichtschuldig, ohne Verve, wehrt sich die Linke gegen solche offenen Vereinnahmungen.

Petrys forscher Auftritt und Wagenknechts Defensive kommen nicht von ungefähr. Beide stehen an der Spitze von Parteien, deren Geschäftsmodell es ist, Unzufriedenheit und Wut in Zustimmung und Macht zu verwandeln. Nur gelingt das der AfD inzwischen deutlich besser als der Linkspartei. Petry vertritt die Neue an der Protestfront, deren Aufstieg die Etablierten in Schrecken und Ratlosigkeit versetzt. Dagegen repräsentiert Wagenknecht eine Partei, die nach 25 Jahren Systemopposition selbst schon zum Establishment gehört. Und beides, das Hoch der AfD und der Abwärtstrend der Linken, hängt aufs Engste zusammen. Rücksichtslos und ideologisch unbeschwert kann die AfD mit dem Flüchtlingsthema mobilisieren, während die Linke hilflos zusehen muss, wie sich ihre klassische Anhängerschaft dem schärferen Angebot zuwendet.

Wagenknecht will diesen Wählertransfer begreiflicherweise stoppen, selbst auf die Gefahr hin, immer öfter selbst wie eine AfD-Protagonistin zu wirken. Das erinnert an ein ganz ähnliches Dilemma der CSU, die ja auch den Rechtspopulismus bekämpfen will, indem sie dessen Rhetorik und Perspektive zu imitieren beginnt: Abwehr durch Angleichung. Doch die Verwerfungen, die eine solche Strategie in der Union verursacht, sind nichts gegen die Konflikte, die Wagenknecht ihrer Partei zumutet: In der Flüchtlingsfrage zusammen mit Frauke Petry, rechts von Angela Merkel – das ist ein Standort, an dem die Linke nur kaputtgehen kann. Doch die Alternative ist auch nicht erfolgversprechend. Denn mit der Parole "offene Grenzen", dem trotzigen Gegenangebot zu Wagenknecht, wird die Linkspartei ihre ostdeutschen Stammwähler nur noch schneller in die Arme der AfD treiben.

Der Aufstieg der Rechtspopulisten stürzt den Linkspopulismus in eine existentielle Krise. Doch immerhin zeigt das FAS- Gespräch zwischen den beiden Führungsfrauen auch schon, woran sich der Richtungsstreit in der AfD entzünden wird: dort nämlich, wo sich Wagenknecht mit klassischem Sozialprotektionismus trennscharf von Petrys Deregulierungsparolen abhebt. Noch trägt die Vorsitzende das wirtschaftsliberale Gründungserbe der Professorenpartei, die die AfD einmal war, vor sich her. Doch dieses Erbe passt immer weniger zu den Gefühlen und Wünschen der Arbeiter, Arbeitslosen und Abgehängten, die der Partei ihre letzten fulminanten Erfolge beschert haben. Mit Sozialneid von oben, wie ihn die FDP früher pflegte, lässt sich diese Klientel nicht bei der Stange halten. Über kurz oder lang wird die AfD auf die programmatische Mischung einschwenken, mit der schon Marine Le Pen in Frankreich ihre Macht ausgebaut hat. Autoritär, national, sozial. Autoritär und national ist die AfD längst. Doch bevor sie den Sozialneid von unten in ihr Programm aufnimmt, steht ihr noch viel Streit bevor. Sollte sie ihn überstehen, werden Wagenknecht und die Linke bei der AfD noch weniger Angriffsfläche finden als heute schon.