Im August 1914 zogen etwa 100.000 deutsch-jüdische Soldaten ins Feld. 1.500 erhielten das Eiserne Kreuz I. Klasse. Unter ihnen war Wilhelm Frankl, mit 16 Abschüssen einer der erfolgreichsten Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, ausgezeichnet mit dem Orden Pour le Mérite und zum Offizier befördert – nachdem er sich hatte taufen lassen. Im April 1917 wurde er selbst abgeschossen.

Der kaiserliche "Burgfrieden" war allerdings schon immer rissig: "Überall grinst das Judengesicht, nur im Schützengraben nicht!" war ein für diese Zeit typischer Spottvers. Selbst ein "Heldentod" konnte die Antisemiten nicht umstimmen. Die Nachricht, dass Ludwig Frank, ein jüdischer SPD-Reichstagsabgeordneter und politischer Hoffnungsträger der Partei, an der Westfront gefallen war, kommentierten sie in unüberbietbarem Zynismus: "Immer diese Juden. Selbst beim Sterben müssen sie sich noch vordrängeln!"

Die Hoffnungen der deutschen Juden, durch patriotisches Verhalten ihre gesellschaftliche Stellung festigen zu können, erfüllten sich nicht. Fortgesetzte Klagen aus der Bevölkerung über "unverhältnismäßig viele wehrpflichtige Israeliten", die vom Wehrdienst befreit seien oder sich davor drückten, sowie über eine große Zahl Juden, die es verstanden hätten, eine Verwendung außerhalb der Front in der Etappe zu finden, waren seit dem zweiten Kriegsjahr beim Kriegsministerium eingelaufen. Diese Beschwerden nahm das preußische Kriegsministerium vor hundert Jahren zum Anlass, am 11. Oktober 1916 eine "Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden" durchzuführen.

Die Begründung des Erlasses und sein provokanter Wortlaut waren außerordentlich beleidigend, weil die Beschuldigung exklusiv auf die Juden abzielte. Keine andere kriegführende Nation hielt es inmitten blutiger Gefechte für nötig, aufgrund unbewiesener Gerüchte eine Zählung der Soldaten einer loyalen Minderheit durchzuführen.

Das Bedenklichste dieser Erhebung war, dass sie den Antisemitismus von der privat-bürgerlichen auf eine offizielle politische Ebene brachte. Deutsche Juden konnten den ihnen geltenden Hass nicht länger als vulgäre Entgleisung abtun – er drohte als ernste Gefahr vonseiten der Regierung.

Am 3. November 1916 kam es im Reichstag zu einer erregten Debatte, in der der jüdische Abgeordnete Ludwig Haas, selbst Frontoffizier und Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse, die "Judenzählung" verurteilte. Sein Redebeitrag endete mit den Worten: "Ich habe eine Fülle von Briefen in diesen Tagen erhalten voller Klagen über den Erlass – die Tränen können einem ins Auge kommen. Es geht durch alle Briefe hindurch: Nun sind wir gezeichnet."

Die Ergebnisse der Zählung wurden nicht publik, sodass antisemitische Agitatoren weiterhin das Märchen von der "jüdischen Drückebergerei" verbreiten konnten. Um dem entgegenzutreten, führte schließlich der private Verband "Bureau für Statistik der Juden" eine eigene Zählung durch. Deren Ergebnis wurde 1921 unter dem Titel Die deutschen Soldaten im Kriege 1914–1918 veröffentlicht. Demnach hatten über 77 Prozent der jüdischen Soldaten an der Front gestanden. 12.000 von ihnen waren für ein Land gefallen, in dem sie von vielen als Fremdkörper betrachtet, gesellschaftlich ausgegrenzt und als Menschen minderen Ranges verachtet wurden.

Auf Seiten der Juden galt die "Judenzählung" als Beleg für die Unmöglichkeit, in die deutsche Gesellschaft integriert werden zu können. Alle Assimilationsbemühungen stellten sich damit als fruchtlos heraus, ja verkehrten sich in ihr Gegenteil, wie Walther Rathenau schon im August 1916 prophezeite: "Je mehr Juden in diesem Krieg fallen, desto nachhaltiger werden ihre Gegner beweisen, dass alle hinter der Front gesessen haben, um Kriegswucher zu treiben."

Eine hasserfüllte Ideologie, weiß man seither, schert sich nicht um Fakten. Und wo das endet, weiß man auch.