In der Stockholmer Klarakirche steht ein wunderlicher Kasten. Er steht da, wo sich in anderen Gotteshäusern der Opferstock befindet. Er erfüllt auch den gleichen Zweck – nur dass die Gemeinde am "Kollektomaten" die Kreditkarte zückt, statt Münzen und Scheine einzuwerfen.

Die Euro-Länder diskutieren darüber, das Bargeld abzuschaffen – zur besseren Kontrolle der Geldpolitik und des Schwarzmarkts. Die Schweden sind schon ein Stück weiter: Sie zahlen fast alles per Karte. Bargeld ist selten geworden. So selten, dass die Hälfte der Bankfilialen gar keines mehr annimmt.

Vor gut 350 Jahren spielte Schweden schon einmal die Vorreiterrolle: Keine 1.000 Meter von der Klarakirche entfernt, in einem kleinen Haus nahe dem königlichen Schloss, wurde 1661 das erste Papiergeld Europas gedruckt. Die Scheine ließen Schwedens Wirtschaft erblühen – und dann abstürzen, weshalb sie nach wenigen Jahren verboten wurden. Das Experiment kam den Staat teuer zu stehen, und er hätte sich wohl gar nicht darauf eingelassen, wären die Umstände nicht so außergewöhnlich gewesen.

Es war die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, in dem die Schweden erfolgreich die protestantische Sache verteidigt und dabei auch politisch an Gewicht gewonnen hatten. Allerdings hatte der Feldzug auf dem Kontinent die Gold- und Silbervorräte des Landes dezimiert und ihm seinen Helden geraubt: König Gustav Adolf fiel 1632 in der Schlacht bei Lützen. Seine Tochter Christina, die ihm 1644 nachfolgte, machte vor allem als Shopping-Queen von sich reden: Krönen ließ sie sich auf einem silbernen Thron aus Augsburger Werkstätten, bei Opern und Gemälden bevorzugte sie italienische Meister, und auch sonst liebte sie barocke Prachtentfaltung – was das Liquiditätsproblem weiter verschärfte.

Zunächst versuchte man dem Mangel an Gold und Silber dadurch zu begegnen, dass man Münzen aus Kupfer prägen ließ. Kupfer gab es in Schweden nämlich reichlich: Nirgendwo auf der Welt wurde davon mehr abgebaut als im Bergwerk von Falun. Doch das Kupfergeld hatte einen großen Nachteil: Anders als bei den heutigen sogenannten Scheidemünzen spielte bei den damals üblichen Kurantmünzen der Materialwert die entscheidende Rolle. Und weil Kupfer weniger edel ist als Silber oder gar Gold, musste man eben entsprechend mehr Material aufbieten. So wog ein kupfernes 10-Daler-Stück fast 20 Kilo und hatte das Format eines Kuchenblechs, wie Hendrik Mäkeler, der Leiter des Münzkabinetts der Universität Uppsala, zu berichten weiß: "Für den Alltagsgebrauch war das ziemlich unpraktisch."

Die Alternative zum Münzenschleppen, der Realtausch, war allerdings nicht weniger mühsam. Wenn sich etwa ein Schreiner einen neuen Mantel zulegen wollte, musste er ja erst einmal einen Schneider finden, der umgekehrt einen Tisch brauchte.

Um Abhilfe zu schaffen und die kriegsgeschädigte Wirtschaft in Schwung zu bringen, holte Christina einen Fachmann an ihren Hof: Johan Palmstruch. Der Kaufmann war in Riga geboren (das zu dieser Zeit zu Schweden gehörte), hatte jedoch lange in den Niederlanden gelebt und konnte Erfahrungen bei der Bank von Amsterdam vorweisen. Banken gab es in Italien seit der Renaissance, dann vereinzelt auch nördlich der Alpen, nicht aber in Schweden, weshalb Palmstruch den Auftrag bekam, eine Bank in Stockholm zu eröffnen.

Dass Palmstruch in den Niederlanden auch im Gefängnis gesessen hatte – ob wegen Bankrotts oder Wirtschaftsspionage, darüber sind sich die Geschichtsschreiber uneinig –, störte bei Hofe offenbar keinen. Denn der Banker hatte eine bestechende Idee: Er schlug vor, die schweren Kupfermünzen durch leichtes Papier zu ersetzen.

Ob er sich dabei am Vorbild der Chinesen orientierte, die schon 1024 mit Papiergeld experimentiert hatten? Doch bei so viel Geschichtskenntnis hätte Palmstruch vermutlich auch gewusst, dass Inflation droht, wenn man zu viele Scheine ausgibt. In China war das Experiment genau daran gescheitert. Eher schon ließ sich der Banker von der Praxis des Bergwerks in Falun inspirieren, urteilt der Ökonom Eli Heckscher in einem Aufsatz von 1932, "wofür Schweden unzweifelhaft ein Platz in der Wirtschaftsgeschichte gebührt". Das Werk bezahlte seine Schulden mit Papieren, die dem Einlöser den Besitz einer bestimmten Menge Kupfers zusicherten.