Es ist der 24. September, seit der Krawallnacht von Bautzen sind zehn Tage vergangen, als Timo und Mehdi an den zwei Enden der Platte stehen. Geht man als Reporter zu Timo und seinen Freunden, zu den Rechten, wird man skeptisch angeschaut. "Warum sollen wir mit dir sprechen?", fragt einer. "Für die Presse sind wir eh immer die Bösen." Dann erzählen sie doch, stundenlang.

Neben Timo: Julia, Kevin und Jan. Alle vier wollen nicht ihre echten Namen in der Zeitung lesen. Julia ist 19, wie Timo. Kevin und Jan sind Mitte zwanzig. Jan trinkt Kakao aus einer Litertüte. Kevin trinkt Bier. Julia raucht. Timo hört erst mal nur zu.

"Ich hab nichts gegen Ausländer", sagt Kevin, "mein Dönermann ist okay."

Jan sagt: "Mein Nachbar ist Kubaner. Oder Bulgare? Ist ja auch egal. Der schenkt mir manchmal ein Bier."

Nachdem die Höflichkeiten abgehandelt sind, sagt Kevin: "Bei denen da drüben sind ja auch Schwarzhäutige. Die gehören in Wüstenregionen. Schwarzhäutige in die Kälte zu verlegen geht gegen die Natur, die können hier klimatisch nicht leben."

"Das ist wie mit Pandabären", sagt Jan: "Die kann man nicht einfach in einen anderen Lebensraum stecken."

Julia nickt.

Wenn sie von Flüchtlingen reden, sagen sie meist "Asylanten", manchmal auch "Neger" und "Kameltreiber". Das Gespräch verläuft wie ein wilder Gedankenstrom, in dem alles durcheinandergespült wird. Es handelt von Merkel ("eine Fotze") und Putin ("Der hat’s drauf"), von Flüchtlingen ("Die meisten machen quasi bezahlten Tourismus hier") und von der Zukunft ("Wenn das so weitergeht, wird in zehn, zwanzig Jahren kein Deutsch mehr auf der Straße gesprochen").

© ZEIT-Grafik

Was ist nur los in Deutschland? Laut der Studie Die enthemmte Mitte der Universität Leipzig fühlt sich inzwischen jeder zweite Deutsche "durch die vielen Muslime hier" manchmal fremd im eigenen Land. Gut 40 Prozent sind der Überzeugung, Muslimen solle die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. Fast jeder Siebte sieht das Land "durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet." Jeder Zehnte sehnt sich nach einem "Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert".

Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit detonierten in Dresden zwei Sprengsätze, einer vor einer Moschee. Drei Polizeiautos wurden in Brand gesteckt, der Bürgermeister als "Volksverräter" beschimpft, weil er Vertreter islamischer Gemeinden ins Rathaus eingeladen hatte. Im thüringischen Sangerhausen und in Schwerin lieferten sich Rechte wie in Bautzen Schlägereien mit Flüchtlingen, in Oersdorf in Schleswig-Holstein wurde der Bürgermeister mit einem Kantholz niedergeschlagen, offenbar weil er Flüchtlinge in dem kleinen Ort unterbringen wollte.

Allein in den ersten neun Monaten des Jahres hat das Bundeskriminalamt 1.800 politisch motivierte Straftaten gegen Asylbewerber, Flüchtlinge und Unterstützer verzeichnet – unter ihnen 507 Fälle von fremdenfeindlicher Gewalt. Die Zahl ist fast doppelt so hoch wie im gesamten Jahr 2015. Und schon 2015 war sie so hoch wie seit Beginn des Jahrtausends nicht mehr.

Bereits diese kleine Aufzählung zeigt: Es geht nicht mehr um Trillerpfeifen und Parolen, wie sie auch am Tag der Deutschen Einheit in Dresden zu hören waren. Es geht um Gewalt, die für immer mehr Menschen zum Mittel der politischen Auseinandersetzung wird. Ein Phänomen, das nicht nur, aber verstärkt im Osten Deutschlands auftritt.

Warum immer wieder der Osten? Warum immer wieder Sachsen?

Auf dem Bautzener Kornmarkt wandert das Gespräch mit den vier Rechten nach einer Weile zu Kindersoldaten und Kopftüchern und schließlich zu einem sehr simplen Gefühl: Neid.

Kevin sagt, die Flüchtlinge täten ihm leid, "aber wir hier in Deutschland, wir haben auch Probleme. Ich hab lange von Hartz IV gelebt, weil ich keinen Job finden konnte."

Kevin klingt jetzt nicht mehr hasserfüllt, sondern nur noch eifersüchtig. Auf das Mitleid, das die Flüchtlinge bekommen und er nicht. Auf die Paten, die sich für sie einsetzen, und nicht für ihn. Auf die Spenden und Förderangebote. Und auf die Frauen. Einige der Mädchen, die heute bei den Flüchtlingen herumhängen, auf der anderen Seite des Platzes, saßen vor ein paar Monaten noch hier bei den Neonazis. "Von solchen Frauen träumen manche bei uns nur", sagt Kevin. "Jung, schlank, hübsch. Was wollen die bloß bei den Asylanten?"

Julia guckt weg und zündet sich eine Zigarette an.

Timo, der die ganze Zeit kein Wort gesagt hat, schüttelt den Kopf und setzt zu einer kleinen Rede an. Die Flüchtlinge, sagt er, seien nur die Waffen. "Das wahre Problem sind die Juden und die Amerikaner. Die Banken. Der Kapitalismus." Die Familien Rockefeller und Rothschild würden Kriege anzetteln, damit Flüchtlinge nach Deutschland kommen und das Land zerstören. Krieg auf der ganzen Welt: Das würde die Amerikaner und die Juden noch reicher machen. Deshalb müsse man gegen die Flüchtlinge auf die Straße gehen.

Timo, das merkt man schnell, hat eine andere Mission als die anderen drei, einen anderen Ehrgeiz auch. Er hat Mein Kampf gelesen, er wünscht sich Deutschland in eine Zeit zurück, in der Adolf Hitler Reichskanzler war, in die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Holocaust ist für ihn: "eine Lüge".

Timo ist freundlich, er spricht sehr ruhig. Es ist die Gelassenheit desjenigen, der sich stärker fühlt als der Rest. Timo weiß, dass viele Menschen denken, er glaube an Verschwörungstheorien. Er selbst glaubt, dass er es ist, der in einer unübersichtlichen Welt den Durchblick behält.

Timo wurde sieben Jahre nach dem Mauerfall geboren, in einer Kleinstadt nicht weit von Bautzen, die Mutter Altenpflegerin, der Vater Tischler. Seine Eltern hätten immer hart gearbeitet und seien nicht politisch, sagt er. Er aber habe sich nie erklären können, wieso es auf der einen Seite der Welt Menschen gibt, die hungern, und auf der anderen welche, die so viel Geld haben, dass sie nicht wissen, wohin damit. Er habe zu grübeln begonnen. Und im Nationalsozialismus Antworten gefunden.

Timo fühlt sich völkischen Gruppierungen zugehörig, die in den vergangenen Jahren immer mehr Zulauf bekommen haben. Sie warnen vor dem "Volkstod durch Überfremdung" und orientieren sich an alten NSDAP-Konzepten: Wer hart arbeitet, soll seinen gerechten Lohn bekommen – wer faul ist, ist wertlos. Als faul gelten im Grunde alle, die nicht "blutsdeutsch" sind.

Vor einem Monat hat Timo seine Ausbildung als Maschinen- und Anlagenführer beendet und wurde von seinem Arbeitgeber, einer Schlichterei, übernommen. Beim Schlichten werden Textilfäden durch eine Lösung gezogen, um sie widerstandsfähiger zu machen. Timo bedient die Maschinen, die die Fäden durch die Lösung ziehen. Er arbeitet im Schichtdienst, fünf Tage die Woche, acht Stunden am Tag, Monatslohn: 1.100 Euro netto.

Kein toller Job. Aber einer, der ihm Zeit lässt zum Demonstrieren: gegen Ausländer, gegen den Kapitalismus, gegen Merkel, "die Stiefelleckerin Israels und Amerikas". An manchen Tagen steht er morgens um halb vier auf und fährt ans andere Ende Deutschlands, um dort bei einem rechten Aufmarsch mitzulaufen.

Timos Eltern machen sich Sorgen um ihren Sohn. Wenn er mit ihnen über Politik reden will, brechen sie das Gespräch ab. "Ich musste ihnen versprechen, dass ich nicht kriminell werde und dass ich Ausländern auf der Straße nicht auf die Schnauze haue."