Ein Russe, ein Araber, ein Vegetarier, eine Deutsche und eine Türkin sitzen in der Bahn. Wer ist beleidigt? Antwort: alle. Der Russe ist beleidigt, weil die Deutschen die Ukraine unterstützen. Der Araber ist beleidigt, weil er sich als islamistischer Terrorist verdächtigt fühlt. Der Vegetarier ist beleidigt, weil der Russe vor seinen Augen in eine Fleischwurst beißt. Der Araber ist ein zweites Mal beleidigt, weil es sich um Schweinefleisch handelt. Die deutsche Frau ist beleidigt, weil die Türkin mit ihrem Kopftuch ein Bild unterdrückter Weiblichkeit abgibt. Die Türkin ist beleidigt, weil sie fürchtet, auf ihr Kopftuch reduziert zu werden. Der Araber ist ein drittes Mal beleidigt, weil er argwöhnt, für das Kopftuch verantwortlich gemacht zu werden. Die Deutsche ist am Ende die Beleidigtste von allen, weil sie sich immer unwohler fühlt unter den lauernden Männer- und missbilligenden Frauenblicken. Sie empfindet sich als Fremde im eigenen Land; wahrscheinlich wird sie in Kürze AfD wählen.

Es fällt schwer, heute nicht beleidigt zu sein. Ein Sturm der Kränkungsgefühle tobt durch die Welt. Überall lauert ein tatsächlicher oder nur eingebildeter Affront. Jeder missbilligt jeden für seine Ideale oder seine Lebensform, und alle gemeinsam sehen in der ausgesprochenen oder unausgesprochenen Missbilligung einen Angriff auf ihre Ehre und ihr Selbstverständnis. Eine Zeit lang waren es nur Randgruppen und Minderheiten, die sich untereinander, vor allem aber von der Mehrheitsgesellschaft in ihrem Sosein angegriffen und deshalb beleidigt fühlten. Inzwischen sehen sich in den westlichen Staaten die traditionellen Mehrheitsmilieus ihrerseits von den Minderheiten schikaniert, in die Defensive gedrängt und herabgewürdigt. Die Schwulenhochzeit – eine Beleidigung der traditionellen Ehe, ein höhnisches Zerrbild. Das Minarett in der Innenstadt – eine Beleidigung des Abendlandes. Schleier und Kopftuch – eine Beleidigung für die emanzipierte Frau. Und die Politiker? Kümmern sich nur noch um Flüchtlinge und Minderheiten. "Minderheit müsste man sein!" lautet der hässlichste Satz des beleidigten Mehrheitsbürgers.

Wann hat der Wettlauf um die größte Kränkung begonnen? Vor etwa dreißig Jahren wurde im deutschen Fernsehen ein Krimi gezeigt, bei dem der Zuschauer lange ratlos bleiben musste, wem er den Mord eher zutrauen wollte – einem Behinderten im Rollstuhl oder einem jungen Homosexuellen. Die Handicaps der Behinderung und der sozialen Ausgrenzung, die traditionell einen Sympathieanspruch begründen, mussten im Lichte des Verdachts gegeneinander abgewogen werden. Der Zuschauer stand vor dem moralischen Dilemma, eine Konkurrenz um Mitleid und Wertschätzung aushalten zu müssen. Wer war mehr Opfer und also weniger wahrscheinlich Täter?

Das unschöne Phänomen wurde später in den Debatten um das Berliner Holocaust-Mahnmal als Opferkonkurrenz bekannt. Gleich hinter den Juden, deren vorrangige Opferwürde niemand bestritt, begannen sich die Vertreter von Sinti und Roma, von Schwulen und Lesben, Zwangsarbeitern, politisch Verfolgten zu drängeln. Wer bekam als Nächstes seine Stele? Und das hieß auch: Wer wird bevorzugt betrauert und also anerkannt und mit öffentlicher Zuwendung bedacht? Um die Opferkonkurrenz in der pluralistischen Gesellschaft richtig zu begreifen, muss der negative Begriff der Beleidigung unbedingt im Kreis seiner positiven Gegenspieler gesehen werden: der Anerkennung, Zuwendung, Aufmerksamkeit. Man versteht die modernen Beleidigten nicht, wenn man meint, sie wollten nur eine Opfererfahrung, etwas Vergangenes artikulieren. Sie zielen auch auf etwas Zukünftiges – sie melden Wünsche an. Man zeigt sich beleidigt, um etwas zu bekommen.

Darum ist man nicht mehr einfach so, still und bitter und passiv, beleidigt, wie es in früheren Zeiten die Ehre verlangte. Wer damals Beleidigungen nicht unauffällig wegsteckte, verlor das Gesicht. Einzige Alternative: Man forderte zum Duell. Nur der gegebenenfalls zum Sterben Bereite durfte auch beleidigt gucken. Andernfalls hätte er jede Anerkennung verloren. Das ist heute umgekehrt. Man fürchtet keineswegs, das Gesicht zu verlieren. Im Gegenteil: Man bekommt erst ein Gesicht, wenn man beleidigt auftritt. Gekränktheit verschafft einen privilegierten Zugang zu Aufmerksamkeit, Zuwendung, Anerkennung.

Dem Dürstenden geht es nicht ums Wasser, er will Anerkennung seines Leidens

Der Gewinn ist nicht nur ideell. Es können öffentliche Mittel fließen, Schulbücher umgeschrieben werden. Es können Politiker öffentliche Reden halten und ministeriale Stellen schaffen: Frauen-, Ausländer-, Gleichstellungsbeauftragte. Es können die Medien über Jahre den Leiden der Opfer und ihren beleidigten Nachfahren Aufmerksamkeit verschaffen, eine knappe Ressource in der abgelenkten Gesellschaft. Wer Kinder und Hunde beobachtet, weiß um die Kostbarkeit von Aufmerksamkeit. Selbst negative Aufmerksamkeit ist besser als keine. Darum beginnen Kinder und kleine Hunde gerne zu randalieren, wenn sich längere Zeit niemand um sie kümmert – um wenigstens die Zuwendung einer Bestrafung zu ertrotzen. Es geht immer und überall um Sichtbarkeit.

Damit haben sogar noch die Gewaltexzesse zu tun, die von den Mohammed-Karikaturen ausgelöst wurden. Natürlich gab es die blinde Wut und den religiösen Wahn. Doch warum zündete die Provokation überhaupt? Entlarvten sich in ihrer Dämlichkeit die Zeichnungen nicht selbst? Manches spricht aber dafür, dass gerade in der Dämlichkeit die beleidigende Botschaft gespürt wurde: dass hier der aufgeklärte Westen gar keine Religionskritik formulieren wollte, kein Recht auf Unglauben, sondern ein Recht auf Gleichgültigkeit – auf Nichtachtung und Nichtanerkennung. Es gehört wenig Psychologie zu der Vermutung, dass Fanatiker einer Minderheit, die unter ihrer Unsichtbarkeit leidet – an der bestenfalls achtlosen Toleranz der Mehrheitsgesellschaft –, leicht zu Taten verführt werden können, die ein Maximum an Aufmerksamkeit in den Medien erzielen. Nicht nur die Karikaturen waren Zeichen. Auch die Bluttat war symbolisch gemeint: Die Tiefe der Kränkung sollte anerkannt werden.

Um zu verstehen, dass hier um kein nebensächliches Gut gekämpft wird, hat der Philosoph und Soziologe Axel Honneth schon vor Jahren seine "Philosophie der Anerkennung" entwickelt. In einer Gesellschaft, die sich immer stärker differenziert, in immer weitere Milieus zerfällt, die sich immer weniger zu sagen und immer mehr vorzuwerfen haben, reicht für einen Rest an Zusammenhalt keine Toleranz der Gleichgültigkeit. Die Gruppen und Grüppchen müssen sich gegenseitig anerkennen, das heißt, auch ihrer Verschiedenheit ein gewisses Maß an Achtung und Zuwendung spenden. Auf dieser Überlegung beruht übrigens die umstrittene grüne Schulpolitik, die den Kindern mehr als kalte Toleranz gegenüber Schwulen (oder anderen minoritären sexuellen Orientierungen) beibringen will, nämlich Empathie und eine Relativierung dessen, was als normal zu gelten habe.