Ein Russe, ein Araber, ein Vegetarier, eine Deutsche und eine Türkin sitzen in der Bahn. Wer ist beleidigt? Antwort: alle. Der Russe ist beleidigt, weil die Deutschen die Ukraine unterstützen. Der Araber ist beleidigt, weil er sich als islamistischer Terrorist verdächtigt fühlt. Der Vegetarier ist beleidigt, weil der Russe vor seinen Augen in eine Fleischwurst beißt. Der Araber ist ein zweites Mal beleidigt, weil es sich um Schweinefleisch handelt. Die deutsche Frau ist beleidigt, weil die Türkin mit ihrem Kopftuch ein Bild unterdrückter Weiblichkeit abgibt. Die Türkin ist beleidigt, weil sie fürchtet, auf ihr Kopftuch reduziert zu werden. Der Araber ist ein drittes Mal beleidigt, weil er argwöhnt, für das Kopftuch verantwortlich gemacht zu werden. Die Deutsche ist am Ende die Beleidigtste von allen, weil sie sich immer unwohler fühlt unter den lauernden Männer- und missbilligenden Frauenblicken. Sie empfindet sich als Fremde im eigenen Land; wahrscheinlich wird sie in Kürze AfD wählen.

Es fällt schwer, heute nicht beleidigt zu sein. Ein Sturm der Kränkungsgefühle tobt durch die Welt. Überall lauert ein tatsächlicher oder nur eingebildeter Affront. Jeder missbilligt jeden für seine Ideale oder seine Lebensform, und alle gemeinsam sehen in der ausgesprochenen oder unausgesprochenen Missbilligung einen Angriff auf ihre Ehre und ihr Selbstverständnis. Eine Zeit lang waren es nur Randgruppen und Minderheiten, die sich untereinander, vor allem aber von der Mehrheitsgesellschaft in ihrem Sosein angegriffen und deshalb beleidigt fühlten. Inzwischen sehen sich in den westlichen Staaten die traditionellen Mehrheitsmilieus ihrerseits von den Minderheiten schikaniert, in die Defensive gedrängt und herabgewürdigt. Die Schwulenhochzeit – eine Beleidigung der traditionellen Ehe, ein höhnisches Zerrbild. Das Minarett in der Innenstadt – eine Beleidigung des Abendlandes. Schleier und Kopftuch – eine Beleidigung für die emanzipierte Frau. Und die Politiker? Kümmern sich nur noch um Flüchtlinge und Minderheiten. "Minderheit müsste man sein!" lautet der hässlichste Satz des beleidigten Mehrheitsbürgers.

Wann hat der Wettlauf um die größte Kränkung begonnen? Vor etwa dreißig Jahren wurde im deutschen Fernsehen ein Krimi gezeigt, bei dem der Zuschauer lange ratlos bleiben musste, wem er den Mord eher zutrauen wollte – einem Behinderten im Rollstuhl oder einem jungen Homosexuellen. Die Handicaps der Behinderung und der sozialen Ausgrenzung, die traditionell einen Sympathieanspruch begründen, mussten im Lichte des Verdachts gegeneinander abgewogen werden. Der Zuschauer stand vor dem moralischen Dilemma, eine Konkurrenz um Mitleid und Wertschätzung aushalten zu müssen. Wer war mehr Opfer und also weniger wahrscheinlich Täter?

Das unschöne Phänomen wurde später in den Debatten um das Berliner Holocaust-Mahnmal als Opferkonkurrenz bekannt. Gleich hinter den Juden, deren vorrangige Opferwürde niemand bestritt, begannen sich die Vertreter von Sinti und Roma, von Schwulen und Lesben, Zwangsarbeitern, politisch Verfolgten zu drängeln. Wer bekam als Nächstes seine Stele? Und das hieß auch: Wer wird bevorzugt betrauert und also anerkannt und mit öffentlicher Zuwendung bedacht? Um die Opferkonkurrenz in der pluralistischen Gesellschaft richtig zu begreifen, muss der negative Begriff der Beleidigung unbedingt im Kreis seiner positiven Gegenspieler gesehen werden: der Anerkennung, Zuwendung, Aufmerksamkeit. Man versteht die modernen Beleidigten nicht, wenn man meint, sie wollten nur eine Opfererfahrung, etwas Vergangenes artikulieren. Sie zielen auch auf etwas Zukünftiges – sie melden Wünsche an. Man zeigt sich beleidigt, um etwas zu bekommen.

Darum ist man nicht mehr einfach so, still und bitter und passiv, beleidigt, wie es in früheren Zeiten die Ehre verlangte. Wer damals Beleidigungen nicht unauffällig wegsteckte, verlor das Gesicht. Einzige Alternative: Man forderte zum Duell. Nur der gegebenenfalls zum Sterben Bereite durfte auch beleidigt gucken. Andernfalls hätte er jede Anerkennung verloren. Das ist heute umgekehrt. Man fürchtet keineswegs, das Gesicht zu verlieren. Im Gegenteil: Man bekommt erst ein Gesicht, wenn man beleidigt auftritt. Gekränktheit verschafft einen privilegierten Zugang zu Aufmerksamkeit, Zuwendung, Anerkennung.

Dem Dürstenden geht es nicht ums Wasser, er will Anerkennung seines Leidens

Der Gewinn ist nicht nur ideell. Es können öffentliche Mittel fließen, Schulbücher umgeschrieben werden. Es können Politiker öffentliche Reden halten und ministeriale Stellen schaffen: Frauen-, Ausländer-, Gleichstellungsbeauftragte. Es können die Medien über Jahre den Leiden der Opfer und ihren beleidigten Nachfahren Aufmerksamkeit verschaffen, eine knappe Ressource in der abgelenkten Gesellschaft. Wer Kinder und Hunde beobachtet, weiß um die Kostbarkeit von Aufmerksamkeit. Selbst negative Aufmerksamkeit ist besser als keine. Darum beginnen Kinder und kleine Hunde gerne zu randalieren, wenn sich längere Zeit niemand um sie kümmert – um wenigstens die Zuwendung einer Bestrafung zu ertrotzen. Es geht immer und überall um Sichtbarkeit.

Damit haben sogar noch die Gewaltexzesse zu tun, die von den Mohammed-Karikaturen ausgelöst wurden. Natürlich gab es die blinde Wut und den religiösen Wahn. Doch warum zündete die Provokation überhaupt? Entlarvten sich in ihrer Dämlichkeit die Zeichnungen nicht selbst? Manches spricht aber dafür, dass gerade in der Dämlichkeit die beleidigende Botschaft gespürt wurde: dass hier der aufgeklärte Westen gar keine Religionskritik formulieren wollte, kein Recht auf Unglauben, sondern ein Recht auf Gleichgültigkeit – auf Nichtachtung und Nichtanerkennung. Es gehört wenig Psychologie zu der Vermutung, dass Fanatiker einer Minderheit, die unter ihrer Unsichtbarkeit leidet – an der bestenfalls achtlosen Toleranz der Mehrheitsgesellschaft –, leicht zu Taten verführt werden können, die ein Maximum an Aufmerksamkeit in den Medien erzielen. Nicht nur die Karikaturen waren Zeichen. Auch die Bluttat war symbolisch gemeint: Die Tiefe der Kränkung sollte anerkannt werden.

Um zu verstehen, dass hier um kein nebensächliches Gut gekämpft wird, hat der Philosoph und Soziologe Axel Honneth schon vor Jahren seine "Philosophie der Anerkennung" entwickelt. In einer Gesellschaft, die sich immer stärker differenziert, in immer weitere Milieus zerfällt, die sich immer weniger zu sagen und immer mehr vorzuwerfen haben, reicht für einen Rest an Zusammenhalt keine Toleranz der Gleichgültigkeit. Die Gruppen und Grüppchen müssen sich gegenseitig anerkennen, das heißt, auch ihrer Verschiedenheit ein gewisses Maß an Achtung und Zuwendung spenden. Auf dieser Überlegung beruht übrigens die umstrittene grüne Schulpolitik, die den Kindern mehr als kalte Toleranz gegenüber Schwulen (oder anderen minoritären sexuellen Orientierungen) beibringen will, nämlich Empathie und eine Relativierung dessen, was als normal zu gelten habe.

Der Hunger nach Anerkennung

Wie groß der Hunger nach Anerkennung ist, lässt sich leicht an Gruppierungen zeigen, die inzwischen nicht mehr nennenswert diskriminiert werden, aber damit keineswegs zufriedengestellt sind. Es gibt ein Bedürfnis, erlittenes Unrecht weiterhin beweint zu sehen – sonst stellt sich ebenfalls schwere Gekränktheit ein. Das gilt nicht nur, wie weithin verständlich, für Verfolgte der beiden deutschen Diktaturen. Auch Teilen der Frauenbewegung reicht es nicht, dass sich die Stellung der Frau verbessert hat und weiter (wenngleich quälend langsam) bessert. Es dürfen auch überwundene Missstände nie unerwähnt bleiben und keinesfalls die glänzenden Aspekte früherer Jahrhunderte gerühmt werden, ohne zugleich auf die deplorable Lage der Frauen damals hinzuweisen.

So ist der Zwang zu einer tränenseligen Litanei entstanden, ein heiliges feministisches Abrakadabra des Bedauerns, das der Mehrheitsgesellschaft – selbst vielen Frauen – gehörig auf die Nerven geht. Auch sie beginnt, sich gekränkt zu fühlen: durch den Eindruck, moralisch erpresst zu werden. Zum Aufstieg von Pegida und AfD gehört die Abwehr eines Daueralarms quengelnder Ruhestörer zwingend dazu.

Es gibt in Salcia Landmanns berühmter Sammlung jüdischer Witze die Geschichte über den armen Juden auf einem Auswandererschiff, der zusammen mit einem wohlhabenden Juden die Kabine teilt. An Schlaf ist nicht zu denken. Der Arme jammert so laut über die Hitze und seinen Durst, bis ihm der Wohlhabende, um Ruhe zu haben, etwas zu trinken besorgt. Die Ruhe tritt aber nicht ein. Der Arme jammert weiter – nunmehr über den schrecklichen Durst, den er gehabt hatte. Die Pointe bei Landmann: Der Durst kann durch Wasser nicht gelöscht werden. Der Durst richtet sich darauf, bedauert zu werden. Man könnte auch sagen: Den Armen dürstet nach Anerkennung.

Hegel hat in seiner Phänomenologie des Geistes, auf die auch Honneth Bezug nimmt, darauf hingewiesen, dass sich jedes Selbstbewusstsein nur in der Anerkennung des jeweils anderen bildet. Bei starker Asymmetrie, einem Anerkennungsgefälle sozusagen, bilden sich nur zwei defekte Formen aus – ein Selbstbewusstsein des Herrn und ein Selbstbewusstsein des Knechtes. Die Überlegung, deren politische Bedeutung auf der Hand liegt, lässt ermessen, wie groß die Gefahr mangelnder Anerkennung für die gesellschaftliche Verständigung werden kann. Am Ende versteht man sich gar nicht mehr.

Wo Zurücksetzung anerkannt wurde, entstehen Arbeitsplätze

Nun hatte der Gedanke bei Hegel einen eher technischen, logischen und erkenntnistheoretischen Sinn. Aber in der praktischen Welt offenbart das Streben nach und die Verweigerung von Anerkennung ein erhebliches Eskalationspotenzial. Anerkennung kann nicht nur die Leiden der Gekränktheit lindern, sondern auch zum Brandbeschleuniger von Gekränktheitsgefühlen werden. Ist nämlich erst einmal beobachtet worden, wie Anerkennung einem Klagenden zuteilwurde, entsteht sofort die beleidigte Frage, warum sie einem anderen vorenthalten blieb. Die ostdeutschen Anhänger der AfD fühlten sich schon durch die Aufmerksamkeit zurückgesetzt, die der Staat den Flüchtlingen spendete, ein klassischer Fall von Opferkonkurrenz. Das heißt: Gekränktheit kann schon durch das bloße Ausbleiben von Anerkennung auftreten. In diesem Fall wird eine fieberhafte Suche ausgelöst: Was oder wer könnte mich so verletzt haben, dass auch ich Anspruch auf Anerkennung habe?

Es geht nicht nur um persönliche Genugtuung. Es geht auch um Macht und Politik. Vertreter der Beleidigten und Erniedrigten können als Funktionäre von Parteien und Verbänden stark und mächtig werden. An Universitäten lässt sich eine Professur, mindestens eine Stelle in einem Forschungsprojekt ergattern. Wo Zurücksetzung anerkannt wurde, entstehen Arbeitsplätze. Nicht immer sind es die Opfer, die von der öffentlichen Zuwendung profitieren. Aber immer profitiert, wer als ihr Sprecher auftreten kann; man denke an die Vorsitzenden der deutschen Vertriebenenverbände, denen Einfluss und Ämter in den Unionsparteien sicher waren. Politiker haben bewiesen, wie mächtig der Hebel sein kann, der sich mithilfe einer verletzten Minderheit bewegen lässt.

Das gilt auch in der Außenpolitik. Die Möglichkeit, ganze Staaten in Ethnien zu zerlegen, die zum Bürgerkrieg aufgehetzt werden können, muss vielleicht nicht noch einmal angeführt werden. Es genügt, an die Mode zu erinnern, Entschuldigung für historisches Unrecht einzuklagen, die einige Zeit in Umlauf war, bis die beteiligten Nationen erkannten, dass sie dabei in unendlichen Regress geraten. Die Griechen, die Grund hatten, von den Deutschen Entschuldigung zu verlangen, hätten sich mit gleichem Grund bei den Türken für den Überfall von 1921 entschuldigen müssen, die Türken ihrerseits für die Balkaneroberung zuvor, die Venezianer für die Zerstörung der Akropolis, die Österreicher für das Ende Venedigs und die Franzosen für den Hinauswurf der Österreicher aus Italien.

Aber schon bevor die Unheilbarkeit der Geschichte offenbar wurde, trat etwas anderes zutage und versiegelte den Staatsmännern die Lippen. Jede Entschuldigung hätte nicht nur die Anerkennung zugefügter Leiden, sondern auch die Fortdauer der Verantwortung zugestanden – und damit das Recht auf finanzielle Entschädigung. Zahlen wollte niemand. Doch für einen Schreckensmoment war allen klar geworden, dass historisches Unrecht, wenn es als fortgesetzte, bis heute ungeheilte Kränkung begriffen wird, die Macht hat, alles zum Einsturz zu bringen, was bisher das Zusammenleben in der Gegenwart vor der Vergangenheit schützt.

Wie sich die zerstörerische Kraft im Kleinen freisetzen lässt, zeigt das Beispiel der nordamerikanischen Universitäten. Die Professoren sind dort gehalten, Vorlesungsankündigungen mit einem Hinweis zu versehen, wenn Stoff oder Methode von bestimmten Studenten als beleidigend empfunden werden könnte. Gläubige Muslime könnten sich von einer machtpolitischen Darstellung des Kalifats verletzt fühlen, afroamerikanische Studenten sogar von einer Darstellung der Sklavenbefreiung, insofern dabei die erniedrigenden Lebensumstände ihrer Vorfahren in den Blick gerieten.

Eine Zensur der Wirklichkeit

Für die Beleidigungsgefahr ist unerheblich, wo das Herz des Professors schlägt. Die bloße Erwähnung von Fakten, die als schmerzlich empfunden werden können, macht die sogenannte Triggerwarnung nötig. Als Trigger – zu Deutsch Auslöser, meist der Abzug einer Feuerwaffe – bezeichneten Psychologen ursprünglich etwas, das ein Trauma wiederaufrufen kann. In diesem Sinne werden Triggerwarnungen noch heute in Internetforen gesetzt, um Missbrauchsopfer vor Schilderungen anderer Opfer zu schützen.

Für die akademische Triggerwarnung ist die persönliche Lebensgeschichte unerheblich. Der Opferstatus hängt nicht an der Person, sondern an der Zugehörigkeit zu einem Kollektiv. Auch die Indianer von heute tragen die Traumata ihrer Vorfahren in sich und können durch Schilderungen aus dem Wilden Westen des 19. Jahrhunderts von einem negativen Gefühlssturm überwältigt werden. Zu den kollektiven Identitäten, die einen Opferstatus begründen, gehören auch sexuelle Orientierung und Geschlecht. Ein schwuler Student kann jederzeit verletzt werden durch die Kunde von den Demütigungen, denen Homosexuelle zu anderen Zeiten ausgesetzt waren. Das gemeinsame Triebschicksal genügt, eine Identität zu begründen, die ein traumatisches Band in die Tiefen der Jahrhunderte knüpft.

Erst recht gilt ein ererbter Anspruch auf Verletztheit für das weibliche Geschlecht. Der britische Althistoriker Robin Lane Fox hat von seinen Schwierigkeiten erzählt, in Vorlesungen über die Antike die rechtlich prekäre Situation der Frauen zu erwähnen. Die studentischen Proteste richteten sich nicht gegen eine unzureichende Verurteilung der damaligen Verhältnisse – sie richteten sich dagegen, dass er sie überhaupt erwähnte. Das Faktum selbst war der Affront – und die sprachliche Abbildung eine Beleidigung.

Es geht nicht allein um Rücksichtnahme, es geht um eine Zensur der Wirklichkeit

Es versteht sich von selbst, dass damit alle Humanwissenschaften, deren Medium nun einmal die Sprache ist, erledigt sind – und die Wissenschaftler übrigens auch. Man kann die Fälle nicht mehr zählen, in denen Hochschullehrer aus dem Amt gemobbt wurden, wegen nichtiger oder nur angedichteter Verstöße gegen das, was man in Europa gerne als Political Correctness verspottet. Der Spott ist indes wohlfeil, und das nicht nur, weil die zerstörerische Methode inzwischen an europäischen Hochschulen angekommen ist. Erst kürzlich wurde der Soziologe Ruud Koopmans, Professor am Berliner Wissenschaftszentrum, Opfer eines Shitstorms im Internet, weil er nüchtern die Statistik über die Integrationsfähigkeit von Zuwanderern ausgewertet hatte. Im Kern geht es nicht mehr um die Durchsetzung von Sprachregeln der Rücksicht und Höflichkeit (und ihrer möglichen Übertreibung). Es geht um eine Zensur der missliebigen Wirklichkeit.

Die Möglichkeit dazu eröffnete sich, als die Theorie der Mikro-Aggression in Umlauf kam. Mikro-Aggressionen können auch bei Faktenerwähnungen unterstellt werden – winzige Sticheleien, die schon vorliegen, wenn nur Bilder von Hausfrauen in der Küche oder von Sklaven bei der Baumwollernte heraufbeschworen werden. Was eine Mikro-Aggression ist, entscheidet selbstverständlich, wer sich von ihr beleidigt zeigen will. Der Willkür sind keine Grenzen gesetzt – Plausibilität zu fordern würde als ebenfalls beleidigender Übergriff auf das Seelenleben des Gekränkten gewertet.

Gegen den Vorwurf der Mikro-Aggression gibt es keine Verteidigung. Unbegrenzt sind damit auch die Möglichkeiten, an Professoren oder beliebigen anderen Personen Rache zu nehmen. Netzöffentlichkeit genügt, um auf Universitätsleitung oder andere Institutionen entsprechenden Druck aufzubauen. Die Rede von den Mikro-Aggressionen dient einer Mega-Aggression. Ihre ganze Brutalität zeigt sich aber erst in der Rechtfertigung, die für die Übertreibungen und Ungerechtigkeiten vorgebracht wird. Diese werden nämlich gar nicht bestritten, sondern als verständliches Bedürfnis nach historischer Revanche entschuldigt.

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Da man der Männer nicht mehr habhaft werden kann, die in der Vergangenheit Sklaven gehalten haben, Frauen unterdrückt, Schwule verfolgt, ferne Länder kolonialisiert haben, darf man sich an ihren Nachkommen schadlos halten. In diesen Zusammenhang gehört die notorisch abfällige Rede von den weißen heterosexuellen (gerne auch: alten) Männern. Vergeblich wäre ihr Hinweis, dass sie inzwischen aufseiten der Opfer stünden, überhaupt in jeder Hinsicht andere geworden seien – vielleicht als Forscher erst auf die Opfer aufmerksam gemacht hätten. Es gilt die Regel: Da die Opfer seinerzeit unschuldig waren, können die Nachfahren der Täter heute auch mal unschuldig etwas zu leiden bekommen. Im Übrigen kann niemand als ganz unschuldig gelten, dessen Geschlecht oder Herkunft auf die einstmals Herrschenden weist.

So wird ein utopischer Kampf um Revision der Geschichte geführt: Beleidiger und Beleidigte sollen die Plätze tauschen. Eine rasende Wut hat die Idee der Sippenhaft und Erbschuld renoviert und bringt sie gegen die aufgeklärte Gesellschaft in Stellung. Und übrigens gelten Aufklärung und Menschenwürde ebenfalls nur als Erzeugnisse einer imperialistischen Kultur des Westens und taugen insofern nicht zur Berufungsinstanz für den, der unter die Räder gerät. In Vernunft und Rationalität sehen die Anhänger der Postcolonial Studies keine universalen Prinzipien, sondern weiße Herrschaftsinstrumente, mit denen der Rest der Welt kolonisiert wurde und bis heute unterdrückt wird. Willentlich oder unwillentlich treten sie damit an die Seite der asiatischen Diktatoren, die von den Menschenrechten als westlichem Oktroi sprechen. Noch weniger gehört dazu, die Nähe zu dem Weltbild der islamistischen Fanatiker zu erkennen. Auch sie fühlen sich durch eine historische Beleidigung – den Aufstieg des Westens und den Abstieg der eigenen Kultur – zu jeder Form der Revanche legitimiert.

Ein existenzieller Schrei nach Liebe

Von dem Kulturkritiker Georg Seeßlen stammt die Beobachtung des symbolischen Ortes, an dem der emanzipierte Westen und der archaische Orient zusammengefunden haben. Er nennt ihn den "Kult der Kränkung". In einem Aufsatz für die Jungle World hat er zu verstehen versucht, auf welche Weise das akademische Milieu des Westens Anschluss an die Beleidigtheitsrituale des Nahen Ostens gefunden haben mag. Hier wie dort sieht er eine gut ausgebildete Jugend, die um ihre Zukunft fürchtet – am Arbeitsmarkt wie in der Politik – und ihr Scheitern gewissermaßen vorauseilend als politische Kränkung verbucht.

In all dem großen Jammern steckt auch ein existenzieller Schrei nach Liebe

Die Berechtigung der Sorgen mag sich erheblich unterscheiden, aber Entmutigung und Zukunftsangst könnten sich ähneln. Was die Diktatur in den arabischen Ländern bewirkt, sieht Seeßlen bei uns aus dem Entmutigungspotenzial der deregulierten Märkte sprudeln. Auch der absolut gesetzte Markt sperrt sich gegen jede politische Gestaltung. So verlegt sich der Protest gegen ökonomische Zwänge auf die symbolischen Formen der Ungerechtigkeit. Der neoliberale Staat hat die Konflikte entpolitisiert. Die beleidigten Studenten setzen die Entpolitisierung fort, indem sie Privatverantwortlichkeiten konstruieren, wo es sie nicht gibt, und die Schuld an den Verhältnissen auf deren Abbildung verschieben.

So gesehen, ist auch der Kränkungskult des Westens ein Schrei der Ohnmacht – der Versuch, aus der Ohnmacht eine Waffe zu schmieden, die auf die akustische Schmerzgrenze der Gesellschaft zielt. Überflüssig zu sagen, dass aus dem gemeinschaftlichen Geheul keine politisch wirksame Gemeinschaftlichkeit entsteht. Die Gekränkten konkurrieren nur um die tauben Ohren von Gesellschaft und Markt. Die Anerkennung der einen bedeutet die Zurücksetzung der anderen. Das beste Beispiel ist die Burka – was für die einen Anerkennung ihrer Lebensweise bedeutete, wäre für den anderen eine Zurückweisung aller Emanzipation. Es gibt keine Solidarität unter Beleidigten.

Es lohnt sich für einen nostalgischen Moment, auf die Anfänge der Political Correctness zurückzublicken. Was als menschenfreundliche Achtsamkeit für politisch Benachteiligte und seelische Verletzlichkeit begann, ist zu einem Hasskrampf und Machtkampf verkommen. Die politische und mediale Aufmerksamkeit, die den Anklägern und Denunzianten noch immer entgegengebracht wird, hat nachgerade rührende Züge.

Niemand muss einsam schmollen. Zumindest in den moralisch empfindlichen Gesellschaften des Westens wird dauerhafte Verbitterung nicht gern gesehen. Man glaubt dem Beleidigten sein Unrecht oder seine Benachteiligungen und will dem einen wie dem anderen abhelfen (auch wenn die Beleidigten das gar nicht immer wollen). Es finden finanzielle Umverteilungen statt, es werden Ehrenplätze in Talkshows und politischen Parteien vergeben. Die Letzten werden die Ersten sein: Nirgendwo erfüllt sich die biblische Prophezeiung augenfälliger als in der öffentlichen Resonanz der Minderheiten. Und sehr wahrscheinlich wäre ohne das Christentum, das von den Beleidigten so gerne als Quelle der schlimmsten Verfolgungen und Benachteiligungen angeführt wird, niemals die Instanz entstanden, vor der solche Klagen überhaupt vorgebracht werden können: das schlechte Gewissen, das sich vom Individuum auf die Gesellschaft ausgedehnt hat.

Freilich steckt in all dem großen Jammern um Anerkennung und Wiedergutmachung immer auch ein existenzieller Schrei nach Liebe, der so oder so nicht erhört werden kann. Das Innenleben ist kein Gegenstand der Sozialfürsorge. Staat und Gesellschaft sind der falsche Adressat. Aber vielleicht hat die moderne Demokratie mit ihrem Versprechen von Gerechtigkeit und Gleichheit zugleich eine utopische Hoffnung auf Heilung aller Zurückgesetztheitsgefühle genährt. Denn was könnte ungerechter sein als Unglück?

Vielleicht handelt es sich aber auch um das, was der Schriftsteller Heinrich Böll eine "Wutverschiebung" genannt hat: Die unweigerliche Kränkungserfahrung, die unser Wirtschaftssystem bereitet, indem es eine unablässige Auslese der Anpassungsfähigsten betreibt und fortwährend Ausgrenzung produziert, wird in den symbolischen Raum der Sprache und Gesten verschoben, wo sie sich zwar nicht kurieren, aber abreagieren lässt – politisch neutralisiert und ohne gleich nach der Weltrevolution zu rufen. Für Zyniker der Macht wäre das sehr befriedigend: Solange sich die Abgehängten und Beleidigten gegenseitig an die Kehle gehen, bleibt ihre Herrschaft gesichert.

Eine versöhnlichere Erklärung hat neulich der Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht in der Neuen Zürcher Zeitung angeboten, indem er die Frage aufwarf, ob sich in der Terreur der Rücksichtnahme auf jede noch so kindische Empfindlichkeit womöglich ein Vorschein der neuen Weltgesellschaft zeige, in der Kränkungskonflikte minimiert werden müssen, die anderenfalls unweigerlich aus dem enger werdenden Miteinander der Kulturen entstünden. Das ist ein edelmütiger Gedanke.

Unübersehbar war aber auch, dass es Gumbrecht um eine Schadensbegrenzung in eigener Sache ging und er den Studenten entgegenkommen wollte, die ihm jüngst vorgeworfen hatten, zwei junge Frauen als "gorgeous", hinreißend, bezeichnet zu haben. Man sah darin eine schwere Diskriminierung; aber nicht etwa in Form einer sexistischen Zudringlichkeit (denn eine der beiden Frauen war seine Tochter), sondern in der impliziten Zurücksetzung aller weniger attraktiven Studentinnen, die nicht damit rechnen dürfen, gorgeous genannt zu werden. Das war eine ernste Sache. Man sieht daran: Der Kult der Kränkung ist noch keineswegs vorbei. Er findet immer weitere begeisterte Anhänger.