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Letzte Woche redete die Türkei über zwei Schwiegersöhne: den von Staatspräsident Erdoğan und den des türkischen Medienmoguls Aydın Doğan. Als die Hackergruppe RedHack die Korrespondenz, die sich das Duo geschickt haben soll, knackte, kamen die Beziehungen zwischen Regierung und Medien zutage.

Vor einem Blick auf die Schwiegersöhne seien kurz die Beziehungen der Schwiegerväter zusammengefasst: Im Grunde begann der Zwist in Deutschland. 2007 durchsuchte die Frankfurter Polizei 14 Adressen wegen Betrugsverdachts und nahm die Funktionäre des Vereins Deniz Feneri (Leuchtturm) und des TV-Senders Kanal 7 fest. Von 41 Millionen Euro, die von 27.000 Bürgern mit türkischem Hintergrund in Deutschland als Spende für bedürftige Muslime gesammelt worden waren, sei, so hieß es, der Löwenanteil an den regierungstreuen Sender und den Verein geflossen.

2008 verurteilte das Landgericht Frankfurt die Vereinsfunktionäre. Der Richter sagte, es handele sich um den größten Betrugsfall in der deutschen Geschichte, und die eigentlichen Täter säßen in der Türkei. Daraufhin nahm ein türkischer Staatsanwalt das Verfahren auf und ließ die "eigentlichen Täter" festnehmen. Allerdings schaltete sich sofort die Regierung ein. Die Festgenommenen kamen frei, der Staatsanwalt wurde entlassen, neue Staatsanwälte schlossen die Akte.

Die Zeitung Hürriyet, das Flaggschiff der Medien der Mitte in der Türkei, ließ den Skandal nicht auf sich beruhen. Daraufhin hielt Erdoğan seine Anhänger an, Hürriyet zu boykottieren. Damit nicht genug, er schickte der Doğan-Holding, der die Hürriyet gehört, Steuerinspektoren ins Haus. Die Gruppe hatte damals einen Aktienanteil von 25 Prozent an Axel Springer verkauft und war damit Partner des deutschen Medienriesen geworden. Die Inspektoren erklärten diesen Verkauf für regelwidrig und brummten der Doğan-Holding die größte Geldstrafe in der türkischen Geschichte auf (332 Millionen Euro). Wenige Monate später kam noch erheblich mehr dazu, nun belief sich die Gesamtstrafe der Gruppe auf 2,3 Milliarden Euro.

Aydın Doğan blieb nichts anderes übrig, als einzulenken und sein Unternehmen zu schrumpfen. Er verkaufte eine der großen Zeitungen der Gruppe und den Fernsehsender. Eine Zeitung oppositionellen Inhalts schloss er. Bald darauf brachte Doğan seinen Schwiegersohn, der enge Beziehungen zur Regierung pflegte, an die Spitze der Publikationssparte seines Unternehmens.

Doch was er auch tat, die Regierung forderte mehr, denn einige Journalisten der Gruppe ließen sich nichts sagen. Zu was für einem Krach es deshalb in der Gruppe kam, zeigen die letzte Woche im Internet durchgesickerten Notizen. Doğans Schwiegersohn gab in seinen Notizen, die an Erdoğans Schwiegersohn gegangen sein sollen, Informationen aus dem Konzern weiter und beschwerte sich über den Chefredakteur einer Zeitung, über oppositionelle Journalisten und sogar seine Schwägerin.

Doğans Schwiegersohn behauptet nun allerdings, es handele sich bei den Notizen nicht um Korrespondenz, sondern um seine Tagebücher, Erdoğans Schwiegersohn indes gab sich gleichgültig, als sei ihm die Angelegenheit schnuppe.

Obwohl die Notizen unverzüglich zensiert wurden und sich außer ein paar unabhängigen Zeitungen niemand in der türkischen Presse traute, sie zu veröffentlichen, nimmt die Affäre nun ihren Platz in der Geschichte ein: als unvergesslicher Beleg der Verbindungen zwischen Medien und Macht in der Türkei. Die Folgen? Einer der Schwiegersöhne trat zurück. Selbstverständlich nicht der von Erdoğan.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe