Der erste Wächter benötigte 26 Minuten für die Reise vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in den erdnahen Orbit. Wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling entfaltete sich der tonnenschwere Satellit in 700 Kilometer Höhe. Sein Name: Sentinel-1A. Seine Mission: eine neue Ära der Beobachtung der Erde vom Weltraum aus. Seit April 2014 tastet er 24 Stunden am Tag per Radar die Oberfläche der Erde ab, durch Wolken, Dunst und in nächtlicher Dunkelheit. Ein paar Monate nach seinem Start begann er, seinen Blick von oben mit der Erde zu teilen.

Sentinel-1A markierte ein neues Kapitel von Copernicus. So nennt die europäische Raumfahrtbehörde Esa ihr Programm zur Erdbeobachtung. Es kostet insgesamt 6,3 Milliarden Euro und wird zu zwei Dritteln direkt von den EU-Mitgliedsstaaten bezahlt. Copernicus ist das wohl spannendste Esa-Projekt überhaupt. Die Hälfte der sechs Missionen ist bereits gestartet. In wenigen Jahren werden zehn Hochleistungsinstrumente unseren Planeten besser überwachen als die Anästhesisten mit ihren Maschinen einen Patienten während einer komplizierten Herzoperation. Rund um die Uhr funkt die Wächterflotte Daten über solche Parameter wie Temperatur, Waldbedeckung, Meeresströmungen, Vegetationsmuster, Verstädterung und die Zusammensetzung der Atmosphäre an die Bodenstationen.

Das alles ist schon beeindruckend, aber einzigartig wird diese Anstrengung erst in Kombination mit etwas anderem: Die Esa gibt alle Messwerte frei heraus. Jeder kann sich über die Projektseite von Copernicus im Internet in die jeweilige Datenbank einloggen und Hunderte von Terabyte herunterladen. Insgesamt gibt es Tausende von verschiedenen Parametern, die Copernicus erhebt und in ein für jeden zugängliches Format umwandelt. Die Augen Europas blicken hinunter auf die Erde, und jeder darf mitverfolgen, was sie sehen.

Der Anstoß zu dieser Freizügigkeit kam aus den USA. Vor rund zehn Jahren begann die Nasa damit, ihre Erdbeobachtungsdaten zu verschenken. Europa musste nachziehen. "Wir haben anfangs versucht, unsere Daten zu kommerzialisieren", erzählt Josef Aschbacher. Der Österreicher ist Esa-Direktor, verantwortet die Erdbeobachtung und gehört seit dem ersten Tag zum Copernicus-Team. "Aber die Einnahmen haben unsere zusätzlichen Ausgaben kaum gedeckt. Und da die Nasa-Daten nun ohnehin frei zugänglich waren, ergab es keinen Sinn, an unserer Politik festzuhalten", erzählt Aschbacher. Und dann sagt er: "Wir wollen ja, dass möglichst viele Leute nutzen, was wir produzieren" – ein wichtiges Motiv von Open Data.

Zu den "Leuten" zählt Nathalie Pettorelli. Die Ökologin arbeitet bei der Zoological Society of London und beschäftigte sich früh in ihrer Karriere mit der Frage, wie Pflanzenwachstum und Populationen von Rehen zusammenhängen. Um dieses Zusammenspiel zu verstehen, griff sie auf Satellitendaten zurück. Pettorelli war eine Pionierin. Das würde nicht funktionieren, sagten ihr Kollegen. "Damals hatte kaum jemand in der Biologie Erfahrung, wie man diese Daten nutzt. Das wurde Geografen gelehrt", erzählt sie. Also brachte sie sich selbst bei, die Bilder auszuwerten, und bewies ihren Kollegen, dass es doch möglich ist. Sie zeigte in den folgenden Jahren etwa, dass die Vegetation im Tschad ausreichend war, um Säbelantilopen anzusiedeln, oder dass die Küste in Indien deshalb erodiert, weil Menschen die Mangrovenwälder abholzten. Noch immer, findet Pettorelli, greifen ihre Kollegen zu wenig auf Beobachtungen zurück, die Raumfahrtagenturen bereitstellen. "Es wird immer einfacher, an die Informationen zu kommen, und ein Teil der Biologen nutzt sie bereits. Aber längst noch nicht die Mehrheit."

Dabei ist es erstaunlich, wie viele Einsatzgebiete die Copernicus-Daten abdecken werden, wenn die Flotte 2021 erst komplett ist. Die beiden Sentinel-1-Satelliten überwachen zum Beispiel, wie Eis an den Polen wächst oder sich zurückzieht. Sie registrieren außerdem Vulkanaktivitäten, Erdrutsche oder Überflutungen. Copernicus kann im Katastrophenfall binnen 48 Stunden, in besonderen Fällen auch binnen 12 Stunden, hochauflösende und bereits aufgearbeitete Bilder von Krisenregionen liefern, damit Helfer einen schnellen Überblick bekommen: Welche Straßen sind noch passierbar? Welche Gebäude stehen noch? Wo müssen die meisten Opfer vermutet werden? Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nutzt die Copernicus-Daten, um im Krisenfall schneller und koordinierter reagieren zu können.