DIE ZEIT: Herr Schumacher Gebler, was hat sich bei Ihnen zuletzt verändert?

Eckehart Schumacher Gebler: Ich besitze eine Druckerei und bin kürzlich mit all meinen Maschinen, mit der gesamten Technik, von Leipzig nach Dresden umgezogen. Das waren 200 Tonnen Material, die wir zu transportieren hatten. Alle Schriften lagern in sogenannten Setzkästen, wenn man die übereinanderstapelte, wären sie fast so hoch wie der Eiffelturm. Mir war wichtig, dass nichts kaputt oder verloren geht, denn meine Firma druckt mit Bleilettern, also in der alten Gutenberg-Technik. Es gibt nicht mehr viele Druckereien, die das noch machen.

ZEIT: Der Digitaldruck ist ja auch praktischer, oder?

Schumacher Gebler: Ja, einfacher ist er.

ZEIT: Und warum nehmen Sie Bleilettern?

Schumacher Gebler: Weil es etwas Besonderes ist. Beim Drucken mit Lettern aus Blei entsteht auf dem Papier ein kleines Relief. Das verleiht den Buchstaben einen eigenen Charakter, erhöht die Lesbarkeit.

ZEIT: Im Zeitungsarchiv finden sich einige Texte über Sie. Die ZEIT, der Tagesspiegel und viele andere haben vor 25 Jahren über Sie berichtet: Sie wollten eine Druckerei erhalten, die nicht mehr wirtschaftlich war. Sie galten als Westunternehmer, der einen ostdeutschen Traditionsbetrieb quasi vor dem Kapitalismus rettete.

Schumacher Gebler: Das war eine außergewöhnliche Zeit. Ich komme aus München, hatte dort die Druckerei meiner Eltern geführt und viele Bleischriften im Sortiment. Dann war der Fotosatz erfunden worden, er machte die Bleischriften eigentlich überflüssig. Aber ich begann, sie zu sammeln, zu bewahren. Und ich wusste, dass in Leipzig eine der wertvollsten deutschen Druckereien steht, ihr Name: Offizin Haag-Drugulin. Sie sollte nach dem Mauerfall von der Treuhand an ein Versandhaus verkauft werden. Es war relativ klar, dass der gesamte historische Bestand, die uralten Schriften – dass alles verschrottet werden würde. Das konnte und wollte ich nicht ertragen.

ZEIT: Also schritten Sie zur Tat.

Schumacher Gebler: Ja, Freunde hatten mich gedrängt: Du musst dir das anschauen! Und wie ich in den Räumen der Druckerei stand und diese riesigen Maschinen sah, diese Unmengen an Schriften, da dachte ich: Was kann man tun, um das zu retten? Ich habe schließlich mit Banken und der Treuhand verhandelt, wobei die Treuhand nicht gerade verständnisvoll gewesen ist. Aber ich erhielt den Zuschlag. Für 3,6 Millionen D-Mark.

ZEIT: Unternehmerisch eine unvernünftige Entscheidung. Schon damals galt Bleisatz als veraltete Technik.

Schumacher Gebler: Wissen Sie, Leipzig war vor dem Ersten Weltkrieg eine der bedeutendsten Städte für das Druck- und Verlagswesen. Hier wurden Erstauflagen von Georg Trakl, Franz Kafka oder Franz Werfel gedruckt, hier hatten die wichtigsten Schriftgießereien ihren Sitz, hier waren berühmte Verlage wie Insel, Reclam oder Kurt Wolff zu Hause, hier entstand 1890 eine weltweit berühmte Koran-Ausgabe. Die Stadt und ihre Unternehmen haben gelitten unter der Vertreibung der Juden, unter den Bombennächten, unter dem Sozialismus und letztlich auch unter den Wirren der Wiedervereinigung. Ich wollte versuchen, etwas zu erhalten, und habe daher die Druckerei übernommen, mit allen Maschinen und Schriften. Irgendwann bekam das aberwitzige Dimensionen.