"Das Ei ist hart". – "Du willst es doch immer viereinhalb Minuten." – "Das weiß ich." – "Was fragst du dann?" – "Weil dieses Ei nicht viereinhalb Minuten gekocht haben kann." – "Ich koche es jeden Morgen viereinhalb Minuten." – "Und woher weißt du, wann das Ei gut ist?" – "Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott." – "Nach der Uhr oder wie?" – "Nach Gefühl. Eine Hausfrau hat das im Gefühl." – "Aber das Ei ist hart. Vielleicht stimmt was mit deinem Gefühl nicht …"

Der Sketch von Loriot – ein Morgengespräch zweier Eheleute beim Frühstück – ist so etwas wie alte bundesrepublikanische Leitkultur. Loriot war aber schon immer auch eine Art Gesellschaftsphilosoph im Gewand des entspannten Gelächters. Seine Miniaturen haben nachgerade prophetisches Potenzial. Sieht man mal von der Kleinigkeit ab, dass bei ihm in der Regel die Frauen jede Menge Gefühl und die Männer vergeblich magere Fakten zum Alltagsleben beisteuern, weshalb es fast zu Mord- und Totschlag kommt, ist diese Geschichte wie eine Vorausschau auf das, was jetzt als Modewort mit rasanter Aufstiegskarriere von sich reden macht: Leben wir in einer postfaktischen Welt? Kochen wir uns unsere Wirklichkeit zusammen wie die Frau bei Loriot und geben sie dann als exakte Viereinhalbminuten-Welt aus, ganz gleich, ob sie hart oder weich ist? Oder sollte die Tatsache, dass jetzt alle von der postfaktischen Politik reden, vermuten lassen, dass da, wo alle sich auf einen Begriff stürzen, Vorsicht angebracht ist?

Postfaktisch – das meint ja: Stimmungen und Gefühle werden immer wichtiger als Fakten. Populisten wie Donald Trump geben längst schonungslos zu, dass das, was der Fall ist, für ihn völlig unerheblich ist. Statistiken des FBI oder die Kriminalität von Latinos? Die Erwerbsquote von Frauen der Mittelschicht? Ein wissenschaftlich beglaubigter Atlas der folgenreichsten Klimaschäden? "Is mir egal", sagt er so achselzuckend wie der Rapper in der Berliner U-Bahn-Werbung. Hauptsache, die Stimmung stimmt.

Nun ist es nicht so, als hätte in den letzten 50 Jahren in den demokratischen Wahlkämpfen nichts als die reine Wahrheit geherrscht. Zur Wahltaktik gehörte es immer schon, den Gegner vorzuführen, zu übertreiben oder abzuwiegeln und nur die Statistiken als Argument zu nehmen, die die eigene Position stützen. Es gibt also keinen Grund, die Welt von vorgestern schöner zu machen, als sie ist. Immer geht es im politischen Streit um die Deutung der gesellschaftlichen Lage, um eigene Perspektiven, ja, es geht buchstäblich um Weltanschauungen. Wer will bestreiten, dass in der Politik auch geschummelt, verschwiegen oder sogar eiskalt gelogen wird, im Großen wie im Kleinen, bei Kriegseinsätzen und bei Parteispenden? Dazu kommt: Dass wir die Welt nie so sehen, wie sie ist, sondern immer so, wie sie uns erscheint, ist ja eine Binsenwahrheit. Wer gut gelaunt am Morgen aufsteht, ausgeschlafen ist und nur freudige Aussichten hat, sieht schon die eigene Wohnung, die eigenen Kinder und den grummelnden Nachbarn anders an. So ist es auch im Großen.

Die Studiengläubigkeit hat es schon deshalb verdient, einen ordentlichen Knacks zu bekommen, weil nur die wenigsten die Methoden und Fragestellungen einer Studie überprüfen können. Im Faktensicherungsgeschäft gibt es so viele Scharlatane wie auch sonst im Leben. Doch die Rede vom "Postfaktischen" greift tiefer. Hier geht es nämlich um den Eindruck, dass die Kategorie von Wahrheit und Lüge selbst außer Kraft gesetzt ist. Wer Fakten verbiegt, wer Wähler belügt, wer falsche Geschichten verbreitet, fliegt über kurz oder lang meistens auf. Ob die Sanktionen, die auf den Betrug folgen, immer angemessen sind, darüber kann man streiten. Aber das Kriterium der Wahrheit und der persönlichen Wahrhaftigkeit ist eine unterstellte Selbstverständlichkeit.

Einer von Putins intellektuellen Hintermännern hat für das Postfaktische eine zynische Theorie entwickelt: Wahr ist, was wir dafür halten. Was stimmt, entscheidet die Stimmung. Und Stimmungen, das ist schon seit der Antike bekannt, kann man erzeugen, lenken oder künstlich anheizen. Die Despoten und autoritären Führer und Populisten haben eine Weltanschauung gemeinsam: Das Kriterium der Lüge finden sie lächerlich. Wahr ist nur der Erfolg. Deshalb ist diese Wende, die viele kluge Beobachter diagnostizieren, nicht einfach nur eine Verschärfung dessen, was immer schon Verdruss erzeugt hat. Es ist mehr als PR und Imagekampagne und Hochglanzwirklichkeit oder Horrorszenario ohne Hand und Fuß.

Die Diagnose des Postfaktischen ist für das hergebrachte Verständnis von Wirklichkeit und Wahrheit tödlich. Die Wahrheit wird nämlich ganz im Sinne des Philosophen Friedrich Nietzsche zur reinen Machtfrage. Wer über die Gefühle und Stimmungen der Menschen herrscht, hat recht. Wenn alles zu einer Frage der Perspektive wird, kann jede Form der Menschenverachtung, jeder Rassismus, jede Boshaftigkeit, jede Form der Gewalt zu einer legitimen Position werden. Das sollten alle wissen, die gegen das vermeintliche "Establishment" mit ihrem eigenen Gefühl argumentieren.