DIE ZEIT: Frau Münkler, Sie arbeiten als Germanistikprofessorin in Dresden, wo nach wie vor Pegida demonstriert und wo – wie vielerorts in Sachsen – die Wut über die Flüchtlingspolitik groß ist. Ausgerechnet hier haben Sie ein optimistisches Buch zu dieser Flüchtlingspolitik geschrieben. Warum?

Marina Münkler: Gerade weil es diese scharfe Ablehnung gibt. Nicht nur in Sachsen ist die Debatte über die Flüchtlinge mittlerweile so vergiftet, dass man kaum noch vernünftig Argumente austauschen kann. Es gibt zwei Gruppen: Die einen engagieren sich für Integration und sind angeekelt davon, was sich politisch rechts tut; die anderen sind gefangen in ihren Ängsten vor den Fremden, und nicht wenige von ihnen wenden sich nach rechts. Deswegen waren mein Mann und ich der Meinung, dass es eines Buches zu Flucht, Zuwanderung und Integration bedarf, das eine gewisse Distanz einnimmt, das nicht einfach nur vorbehaltlos für Flüchtlingshilfe plädiert, sondern auch in den Blick nimmt, was wir in Deutschland benötigen und was uns wichtig ist.

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem Buch von neuen und alten Deutschen. Was trennt sie?

Münkler: Die neuen Deutschen sind alle, die akzeptieren, dass sich jede Gesellschaft immer wieder verändern muss. Und die sich, nachdem 2015 etwa eine Million Menschen zu uns gekommen sind, auf deren Integration einlassen. Alte Deutsche sind diejenigen, die alle Integrationsprozesse blockieren und meinen, sie könnten sich einfach verweigern.

ZEIT: Pöbler vor Asylheimen, Pegida-Demonstranten: Sind das aus Ihrer Sicht alles alte Deutsche?

Münkler: Zum großen Teil, ja. Weil sie glauben, sie könnten die Identität unseres Landes bewahren, indem sie andere davon ausschließen. Das ist erstens faktisch falsch: In der deutschen Geschichte, ob Sie sich das Mittelalter anschauen oder die letzten 150 Jahre, hat es ständig Zuwanderung gegeben. Und zweitens hat sich die Bundesrepublik nach der schrecklichen Erfahrung dessen, was Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus angerichtet hat, dazu entschlossen, ein anderes Land zu sein. Keines mehr, das die sogenannte "Reinheit" des deutschen Volkes propagiert.

ZEIT: Offenbar sind die alten Deutschen, wie Sie sie nennen, überdurchschnittlich in Ostdeutschland zu finden. Können Sie verstehen, dass viele Menschen hier veränderungsmüde sind?

Münkler: Ja. Ich glaube aber nicht einmal, dass es wirklich die Angst vor Veränderung ist. Sondern dass man genug hat von falschen Versprechen. Damit haben viele im Osten schlechte Erfahrungen gemacht. Nach dem Mauerfall hieß es: Jetzt kommt die Wiedervereinigung, bald habt ihr es genauso schön wie die im Westen. Dabei hat man damals gewusst, dass die meisten Industriebetriebe in den neuen Ländern nicht zu halten sein werden. Man hätte den Leuten von Anfang an sagen müssen: Es wird ein tiefes Tal kommen, viele von euch werden sich überlegen müssen, wie sie sich beruflich verändern. Stattdessen hat man die Illusionen der Ostdeutschen befördert, und als sie enttäuscht waren, hat man kaum darauf reagiert.

ZEIT: Nun versprechen Sie aber auch etwas Großes in Ihrem Buch: Die Flüchtlingskrise könne für Deutschland ein Jungbrunnen sein.

Münkler: So ist es. Aber das ist ja kein Versprechen, sondern der Effekt einer Herausforderung. Denn sie zwingt uns zum Nachdenken darüber, wer wir Deutschen heute sind und wie wir in Zukunft sein wollen. Diese Selbstvergewisserung wird uns guttun.

ZEIT: Müssten wir den Geflüchteten von heute nicht sagen, was man den Ostdeutschen 1990 hätte sagen sollen: Es wird hart für euch?

Münkler: Natürlich muss man ihnen sagen, dass sie viel Geduld brauchen werden und sich erheblich werden anstrengen müssen. Was man aber auf keinen Fall machen darf: sie alleine rumsitzen zu lassen. Das wäre das Fatalste von allem. Das hat die gleichen negativen Effekte wie Langzeitarbeitslosigkeit. Die Leute verlieren die Initiative, werden desinteressierter und deprimierter. In Ostdeutschland hieß es damals: Für die Arbeitslosen gibt’s Arbeitslosengeld, sie müssen sich nur gedulden, irgendwann werden die blühenden Landschaften entstehen. Das war ein Fehler, der sich in Bezug auf die Flüchtlinge nicht wiederholen darf.