Armut, sagt sie, das heiße, seine Würde zu verlieren. So wie an jenem Nachmittag im August 2012. Sie kreiste mit dem Fahrrad um das zweistöckige Gebäude. Einmal, zweimal. Sie schaute sich um, Einfamilienhäuser und gestutzte Vorgärten, Hamburg-Lokstedt, deutsches Mittelschichtsrefugium. Eigentlich ist sie alles andere als eine scheue Frau, aber jetzt wünschte sie sich, sie wäre unsichtbar.

Nach der dritten Runde hielt sie schließlich an. Sie schloss ihr Fahrrad ab und betrat das Gebäude. Anstoß e. V. stand auf einem Schild. Sie hatte in der Zeitung über den Verein gelesen, darüber, dass er mit der Hamburger Tafel kooperiert und dass man dort aussortierte Lebensmittel umsonst bekommt. Neben dem Eingang stand ein Mann, drinnen eine Schlange von Bedürftigen, Männer und Frauen, Alte und Junge, die Bananen und Eisbergsalate in ihre Taschen luden. Der Mann am Eingang war freundlich, sie stellte sich vor, er sagte, sie solle ihren Einkommensnachweis mitbringen.

Ihr ganzes Leben lang hatte Gisela Quenstedt gearbeitet, 41 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt, und jetzt sollte sie zu den Bedürftigen gehören, zu denen, die ihre Würde verpfänden wie andere ihren Goldschmuck?

Jetzt gehört sie zu den 350.000 Rentnern, die zur Tafel gehen

Eine Woche später kam sie wieder und seitdem jeden Freitag. Vier Jahre ist das her. Seitdem gehört Gisela Quenstedt dazu. Zu den 350.000 Rentnern in Deutschland, die zur Tafel gehen, weil sie zu wenig Geld haben, um sich genügend Essen zu kaufen.

Quenstedt ist 67 Jahre alt, 1949 in Hamburg-Rahlstedt geboren, so alt wie die Bundesrepublik selbst. Eine forsche Frau, 1,63 Meter groß, mit grauen, zum Zopf gebundenen Haaren. Ihr geht es wie vielen Frauen ihrer Generation in Westdeutschland: Sie hatte nie einen großen Karriereplan, ihr Leben war eher eine Abfolge von Zufällen und Unwägbarkeiten. Wenn sie davon erzählt, klingt es, als sei es ihr nur widerfahren. Eines aber war nie vorgesehen: dass sie im Alter einmal allein sein würde. Und arm.

Gisela Quenstedt bekommt monatlich 892,22 Euro Rente, dazu 60 Euro Riesterrente und 84 Euro Wohngeld. Zieht man davon alle festen Kosten ab – Miete, Strom, Wasser, Telefon, GEZ, Kranken- und Haftpflichtversicherung –, bleiben ihr 175 Euro im Monat zum Leben. Das sind 8 Euro und 63 Cent am Tag. Quenstedt sagt, sie sei immer mit wenig ausgekommen, sie sei nie reich gewesen. "Aber jetzt als Rentnerin bin ich arm."

Armut ist eine relative Größe. Arm in Deutschland ist, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Rechnerisch sind das 12,5 Millionen Menschen, davon 3,4 Millionen Rentner. Für Alleinstehende liegt die Armutsgrenze bei 942 Euro pro Monat. Gisela Quenstedts Rente liegt knapp über der Armutsgrenze. Sie darf keine Grundsicherung beziehen, das Hartz IV der Senioren. Aber lässt sich überhaupt in Prozenten und Tabellen, in Quoten und Diagrammen messen, was es heißt, arm zu sein?

Quenstedt schläft nicht unter einer Brücke, sie muss nicht hungern, sie hat keine faulen Zähne. Für sie bedeutet Armut Verzicht, aber auch eine unangenehme Melange aus Gefühlen, gegen die sie sich nicht wehren kann: die Scham, wenn sie im Park eine angebrochene Tüte Toast und eine Packung Bierschinken vom Mülleimerrand klaubt. Die Demütigung, wenn die Verkäuferin bei Penny sie dabei ertappt, wie sie Pfandflaschen aus dem Mülleimer angelt, die der Automat nicht genommen hat. Der kribbelnde Neid, wenn sie durch Blankenese fährt und die Villen und Grundstücke sieht, die bis zur Elbe reichen. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, wenn sie sich dienstags nach dem Chor den Mittagstisch für 3,60 Euro nicht leisten kann. Wenn sie ihren Freundinnen erklären muss, dass sie nicht ins Restaurant gehen kann und auch nicht dazu eingeladen werden möchte. Oder wenn sie sich – andersherum – vor denselben Freunden dafür rechtfertigen muss, dass sie sich bei Ikea eine Fuchsie, Teelichter und einen Hotdog für zusammen zwölf Euro geleistet hat.