Mein Urgroßvater war Kapitän. Wenn er von Hamburg aus auf Fahrt ging, lud er seine Familie in den Ratskeller ein, anschließend spazierten alle gemeinsam runter zum Schiff. Vom Rathaus runter zur Elbe, in den Hafen. Sein Weg führte durch kleine, enge Gassen, Twieten, über Fleete vorbei an vielen kleinen Läden. Dort war Leben, überall. Mein Urgroßvater kaufte in den Läden ein, was er für die Fahrt brauchte.

Heute führt der Weg vom Rathaus in die HafenCity durch oft menschenleere Straßen. Es gibt viele parkende Autos, aber kaum noch Geschäfte. Und wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, steht man am Todesstreifen unserer Altstadt: an der Ost-West-Straße.

Vor einigen Jahren haben findige Politiker diese Straße umbenannt. Sie heißt jetzt in der Altstadt Willy-Brandt-Straße und in der Neustadt Ludwig-Erhard-Straße. Das klingt nett, aber der funktionale Name Ost-West-Straße passt immer noch besser zu dieser Stadtwunde, diesem Monster der Funktionalität.

Das traditionelle Herz Hamburgs ist städtebaulich zerteilt – und die Stadt hat sich damit anscheinend abgefunden. Die Gebäude, die dort in den vergangenen Jahrzehnten errichtet wurden, der Neue Dovenhof und das Zürichhaus etwa, machen einen Knicks vor der Spaltung: Sie schotten sich zur lauten Straße ab und versprechen einen lebendigen Innenhof. Aber der Plan geht in Wahrheit nicht auf. Die Innenhöfe sind tot, wie die gesamte Altstadt.

Das muss nicht so bleiben! Jahrhundertelang gab es die Ost-West-Straße nicht. Hamburg hatte eine Altstadt, die nicht zerrissen war. Um 1900 lebten noch 100.000 Menschen im inneren Stadtring. Auch vor dem Zweiten Weltkrieg, als mein Urgroßvater durch die Gassen lief, war die innere Stadt bevölkert von Handwerkern und Arbeitern. Erst in den 1950er Jahren entschied die Politik sich final für die Ost-West-Straße. 1963 wurde das letzte Teilstück eingeweiht. Heute leben keine 2000 Menschen mehr in der Altstadt.

Natürlich: Pastor Frank Engelbrecht von der Hauptkirche St. Katharinen und ich sind nicht die Ersten, die sich über die Ost-West-Straße Gedanken machen. Es hat immer wieder Ideen, Impulse und Initiativen gegeben, um diese klaffende Lücke zu schließen: Tunnel, Brücken-Parks, Absenkungen. Daraus ist nie etwas geworden. Wir wollen daher einen anderen Weg gehen: Wir wollen die Sehnsucht wecken, eine Vision entfalten, damit die Absurdität dieser Straße immer klarer hervortritt und die Stadt zusammenwächst.

Oft kommen Touristen zu St. Katharinen und fragen: "Da vorne steht das Schild Altstadt, aber wo ist denn die?" Darauf haben wir keine Antwort. Deshalb ist unsere Vision eine echte Altstadt, die ihren Namen verdient.

Ost-West-Straße in Hamburg

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Es geht nicht darum, pittoreske Fachwerkhäuser wiederaufzubauen. Wir wollen kein Disneyland schaffen. Es geht darum, die alte, kleinteilige Stadtteilstruktur wiederherzustellen.

Unser Traum ist ein lebendiges Viertel mit schmalen Gassen und Höfen, mit grünen Plätzen, kleinen Läden und wiederbelebten Fleeten. Die Stadt würde dadurch attraktiver als durch ein Dutzend Leuchtturmprojekte à la Elbphilharmonie.

Das wird nicht schnell gehen. Es dauert vielleicht noch zwanzig Jahre, bis dieses Ideal eines vereinigten Stadtteils ohne Schnellstraße verwirklicht ist. Aber wir dürfen uns nicht länger mit dieser Schneise abfinden. Und wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir uns schon heute die Umsetzung überlegen. Denn gerade jetzt werden die Weichen gestellt für die Zukunft des Stadtteils: Im alten Spiegel-G ebäude entstehen Wohnungen, die Commerzbank zieht aus, die frühere Zentrale der Nordkirche an der Alten Burg steht leer, der große Gebäudeblock an der Allianz wird abgerissen, und in der HafenCity entsteht mit dem Überseequartier ein gigantisches neues Einkaufszentrum.

All das bietet jetzt Chancen für das Zusammenwachsen der Altstadt. Jetzt müssen in die Pflichtenhefte und Auslobungen für städtebauliche und architektonische Wettbewerbe die Bedingungen verhandelt und eingeschrieben werden.