Ist Ihnen das auch schon passiert? Sie verfolgen eine Diskussion zwischen einem Islamkritiker und einem gläubigen Muslim über das Gewaltpotenzial im Koran und können am Ende nicht beurteilen, wer von beiden recht hat? Der eine zitiert Passagen, die Gewalt gegen Andersgläubige, Ungläubige und Frauen befürworten; der andere zitiert Passagen, die für Vielfalt, Nächstenliebe und Vergebung werben.

Dass Sie keine klare Position einnehmen können, liegt nicht an Ihnen, sondern daran, dass der Koran tatsächlich beide Botschaften enthält: die der Liebe ebenso wie die des Hasses. Wer sich mit der Entstehungsgeschichte des Korans beschäftigt, weiß, dass dieser gemeinhin in eine mekkanische und eine medinensische Phase unterteilt wird. Erstere habe die friedlichen Verse, letztere die Gewaltpassagen hervorgebracht. Doch schon diese Unterteilung stimmt nicht ganz: Zwar finden sich in mekkanischer Zeit keine Verse, die zum bewaffneten Kampf gegen Ungläubige aufrufen, doch sind viele Verse durchaus hasserfüllt. Zugleich finden sich neben den Dschihad-Passagen aus Medina auch Verse, die für Glaubensfreiheit und Frieden unter den Völkern werben.

Was hat nun Geltung? Schon die frühen Koranexegeten behalfen sich mit dem Verweis auf die "Abrogation": dass später entstandene Passagen frühere Verse ungültig machten. Nach diesem Prinzip würden die Suren aus Medina alles aufheben, was in Mekka an Nächstenliebe und Toleranz offenbart wurde. Eine problematische Sichtweise. Wenn der Koran wirklich das Wort Gottes ist, kommt allen Suren eine überzeitliche Bedeutung zu. Wenn Allah aber gewollt hätte, dass frühere Offenbarungen ad acta gelegt werden, warum hat er das nicht klar formuliert? Allein für diese Frage wurde der Reformtheologe Mahmud Mohammed Taha noch Mitte der 1980er Jahre im Sudan als Ketzer hingerichtet.

Meiner Meinung nach kann Koranexegese erst Früchte tragen, wenn man sich von der Macht des Textes als ewiges und allgemeingültiges Wort Gottes emanzipiert. Gott kann weder an eine Zeit noch an einen Kontext gebunden werden. Menschen, ihre Worte und Taten, aber sehr wohl. Eine Kontextualisierung ist nur möglich, wenn wir den Koran als ein "menschliches" Buch betrachten, das die Entwicklung einer Glaubensgemeinschaft über 23 Jahre protokolliert. In Mekka war sie noch schwach und unterdrückt, hatte keine Möglichkeit zu bewaffnetem Widerstand. Anders in Medina, wo die muslimischen Einwanderer unter Mohameds Führung eine starke Armee aufbauten und erfolgreiche Kriege führten.

So kam es zum Paradigmenwechsel bei der Gewaltanwendung – auch weil die Gemeinschaft fast ausschließlich von Kriegsbeute und vom Freikauf Gefangener lebte. Das spiegelt sich im Koran wieder: Vor allem die Suren aus der späten Zeit in Medina sind sehr gewaltverherrlichend.

Was ist der Koran? Das Wort qur’an bedeutet auf Arabisch "Rezitation" und geht zurück auf das syrische Wort qiryan: Damit wurde ein Liturgiebuch bezeichnet, das die syrischen Christen zu Mohameds Zeit für ihre Gebete benutzten. Das heilige Buch der Muslime besteht aus 114 Suren, die längste Sure hat 286 Verse, die kürzeste nur drei. Die Suren-Nummerierung folgt keiner Chronologie, hat also nichts mit dem Zeitpunkt ihrer Offenbarung zu tun, sondern wurde vom dritten Kalifen ’Uthmān veranlasst, der von 644 bis 656 regierte. Er wollte, dass die Suren (mit einigen Ausnahmen) der Länge nach aneinandergereiht werden. Daher trägt die erste Sure, die offenbart wurde, in der offiziellen Koran-Ausgabe heute die Nummer 96. Die zuletzt offenbarte Sure steht heute an neunter Stelle.

Wer glaubt, der Koran sei sakrosankt, vergisst seine profane Geschichte. Weil Mohamed keine Nachfolgeregelung traf, kämpften nach seinem Tod verschiedene Gruppen um die Deutungshoheit über Mohameds Vermächtnis. So kam es zum Schisma, zur Spaltung in Sunniten und Schiiten. Beide Gruppen beriefen sich auf das Wort des Propheten. ’Uthmān ließ die fragmentarischen Erzählungen Mohameds sammeln und auf Schafshäute schreiben. Bis heute gilt es als größtes Verdienst des politisch eher schwachen Führers, die Sammlung der Koran-Suren zum Abschluss gebracht zu haben, die zur Basis wurde für den offiziellen Koran. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Textteile verloren gingen oder absichtlich nicht erfasst wurden. Der Kalif selbst ordnete an, sämtliche abweichenden Versionen zu verbrennen.