"Wir hatten Satellitenbilder aus Nordkorea"

"Seit neun Jahren werte ich für Amnesty International Satellitenbilder aus Krisengebieten aus, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren: zerstörte Krankenhäuser oder Schulen, ausgebrannte Dörfer, Vertreibungen. Unser Team von vier Leuten hat immer 10 bis 15 Länder gleichzeitig im Blick: Krisen- und Konfliktgebiete wie Syrien, Nigeria oder Nordkorea, in die selbst internationale Beobachter nur schwerlich reisen können, weil es zu gefährlich ist. Häufig sind die Satellitenbilder die einzige Möglichkeit, um mehr über die Situation im Land zu erfahren. Bis ich gemerkt habe, dass ich mit meiner Arbeit auch etwas bewirke, dass wir Druck ausüben auf die internationale Gemeinschaft, hat es trotzdem einige Jahre gedauert. Richtig klar geworden ist mir das im März 2013. Ich erinnere mich noch, wie ich in meinem Büro in Washington saß und auf meinem Computer eine Abstimmung des UN-Menschenrechtsrats in Genf verfolgte. Es ging um die Frage, ob für Nordkorea eine Untersuchungskommission zur Menschenrechtslage eingesetzt werden sollte. Auf meinem Monitor sah ich, wie der UN-Menschenrechtsrat plötzlich unsere Satellitenbilder für seine Entscheidung heranzog. Da war ich echt baff. Wir hatten Satellitenbilder von einem Gefangenenlager ausgewertet. Ich hatte damals ein mulmiges Gefühl bei den Bildern, gleichzeitig war ich aber auch irgendwie beeindruckt. Das Lager war dreimal so groß wie Washington, D. C. Es wurde gerade ein neues Gefangenenhaus gebaut, wir konnten in die Zimmer schauen, hochrechnen, wie viele dort untergebracht werden. Als dann unsere Dokumentation im UN-Menschenrechtsrat diskutiert wurde, habe ich meine Tätigkeit erst richtig reflektiert. Die Untersuchungskommission wurde eingesetzt, der erste Schritt war getan – auch dank meiner Arbeit. Das war schon toll.

Dass ich unbedingt im Ausland arbeiten wollte, wusste ich nach meinem Zivildienst, den ich im Holocaust-Museum in Washington gemacht hatte. Ich kam aus einer 4.000-Einwohner-Stadt und arbeitete plötzlich zwischen der Weltbank und dem Weißen Haus. Während meines Politikstudiums in Bologna war mir dann klar: Du musst wieder nach Washington! Mit einem Praktikum habe ich dann bei Amnesty begonnen und bin einfach dageblieben. Mittlerweile kann ich mir aber auch vorstellen, in ein paar Jahren nach Europa zurückzukehren."

"Ich arbeitete in einem Flüchtlingslager in Kenia"

"Wenn man sich immer von einer Krisenregion in die nächste aufmacht, ist das auch anstrengend. Man arbeitet ununterbrochen – ohne Feierabend, ohne Sonntag. Ich war für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen schon im Tschad, in Kenia und an der Grenze zu Somalia, seit März 2015 bin ich in Kiew. Hier unterstützen wir die Binnenflüchtlinge und die Zivilgesellschaft. Da es immer mehr Krisen auf der Welt gibt, wird es schwieriger, Aufmerksamkeit für Projekte zu bekommen. Syrien hat die Ukraine in den Hintergrund rücken lassen, und im Vergleich mit vielen afrikanischen Staaten ist die Ukraine ein wohlhabendes Land.

Seit meinem 23. Lebensjahr habe ich gar nicht mehr richtig in Deutschland gelebt. Vorher hatte ich Medien- und Kommunikationswirtschaft studiert und in einer Werbeagentur in München gearbeitet. Doch schon damals reizte mich der Gedanke, international zu arbeiten und zu leben, ich ging dann für Praktika nach Frankreich, Kamerun und New York. Letzteres war dann bei den Vereinten Nationen. Wenn ich daran zurückdenke, muss ich sagen, dass ich damals noch die rosarote Brille aufhatte. Wir wurden von Kofi Annan begrüßt, ich war verliebt in die internationale Politik und das internationale Leben. Das war alles so inspirierend, viel spannender, als in Deutschland Werbung zu machen. Da war diese Abenteuerlust, der Gedanke, sich sozial zu engagieren, aber es war natürlich auch viel Egoismus dabei. Ich wollte mich selbst verwirklichen. Wenn ich wahnsinnig viel arbeite, muss mich das Resultat zufriedenstellen. 2011 kam ich für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen als Medienbeauftragte nach Kenia. Das Flüchtlingslager in Dadaab muss man sich wie eine eigene Stadt vorstellen. 500.000 Flüchtlinge lebten damals dort – sie kamen vor allem aus Somalia. Es gibt Schulen, Geschäfte und Märkte. Ich war dafür zuständig, bei der internationalen Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Krise zu wecken und Geld einzutreiben. Viele somalische Kinder kennen nur das Camp, sie sind dort geboren und aufgewachsen. Ich habe damals begonnen, mit ihnen Journalismus zu machen. Wir hatten einen Radiosender, die Jugendlichen haben Filme gedreht, Artikel geschrieben. Die Zeitung haben wir im Camp und an die Botschaften verteilt. Da waren auch kontroverse Geschichten dabei: über die Beschneidung von Frauen oder HIV. Es war schön zu sehen, wie fasziniert die Jugendlichen von der Aufgabe waren. Zwei von ihnen arbeiten heute als Journalisten in Norwegen und in Amerika. Das ist ein gutes Gefühl."

"Wir saßen an einem Lehmpfad in Ruanda"

"Schlüsselerlebnisse hatte ich als Student während meines Praxissemesters in Afrika, wo ich für Unicef in Gambia unter anderem an der Abschaffung der Todesstrafe für Kinder arbeitete, und in Ruanda beim UN-Kriegsverbrechertribunal. Während einer Aufklärungsmission inspizierte ich 2002 mit UN-Staatsanwälten Massengräber, wir waren in einer Kirche, in der Tausende Menschen niedergemetzelt worden waren. Das Blut klebte noch an den Wänden. Für einen 23-Jährigen wie mich waren die Erlebnisse schockierend, aber auch sehr prägend.