Im Moment seines großen Triumphes wirkt Jörg Kachelmann wie eingefroren. Reglos blickt der 58-Jährige in den Saal des Frankfurter Oberlandesgerichts, als das Urteil verkündet wird. "Die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger 7.096,51 Euro zu zahlen. Der Senat (...) ist davon überzeugt, dass die Beklagte den Kläger wahrheitswidrig der Vergewaltigung bezichtigte." Der Kläger, das ist der ehemalige Wettermoderator Jörg Kachelmann. "Wahrheitswidrig der Vergewaltigung bezichtigt." Jahrelang hat Kachelmann darauf gewartet, dass ein Richter diesen Satz öffentlich ausspricht.

Nur wenige Meter von Kachelmann entfernt sitzt Claudia Dinkel und lächelt ihre Wut weg. Ihre Augen hat die 43-Jährige hinter einer Sonnenbrille verborgen, sie trägt einen Cowboyhut. Wie sie da sitzt, zurückgelehnt, Kaugummi kauend, als schaue sie sich in ihrem Wohnzimmer einen Spielfilm an, wirkt sie wie ein Mensch, dem die Justiz nichts mehr anhaben kann. Als seien alle Gerichtsurteile – und seien sie so vernichtend wie dieses – bedeutungslos geworden für diese Frau, die sich über die Wahrheit erhoben hat. Aber es dauert nur noch wenige Minuten, bis die Fassade zerbricht.

Der Zivilprozess Jörg Kachelmann gegen Claudia Dinkel hat mehr als vier Jahre gedauert. In seiner Klage hatte Kachelmann Schadensersatz in Höhe von rund 13.400 Euro verlangt. So viel haben ihn die Gutachten dreier Sachverständiger gekostet. Kachelmanns Verteidigung hatte die Expertisen eingeholt, um die Vorwürfe aus der Welt zu schaffen. Claudia Dinkel hatte Kachelmann bezichtigt, sie vergewaltigt zu haben.

Das Landgericht Frankfurt hatte Kachelmanns Klage in erster Instanz ohne Beweiserhebung abgewiesen, weil er nicht habe belegen können, dass Claudia Dinkel "eine wissentlich unwahre oder leichtfertige Anzeige erstattet hat". Wie aber sollte er das, wenn das Gericht die von ihm angebotenen Beweise nicht berücksichtigte? "Ein Gericht, das für die Entscheidung erhebliche Beweise nicht erhebt, verletzt Prozessgrundrechte", sagt die Anwältin Ann Marie Welker, die Kachelmann in dem Zivilverfahren vertrat. Vor der mündlichen Verhandlung damals wurde Welker, so sagt sie, vom Vorsitzenden Richter väterlich gefragt, ob Kachelmann "die Frau" denn wirklich "so traktieren" wolle.

In der Berufungsinstanz vor dem Oberlandesgericht Frankfurt hat Kachelmann einen Teil seiner Forderungen zurückgezogen, rund 7.000 Euro Schadensersatz wurden ihm nun bewilligt. Das Gericht stellte am Mittwoch vergangener Woche mit deutlichen Worten fest, dass Dinkel sich in mittelbarer Täterschaft durch eine wissentlich unwahre Strafanzeige einer Freiheitsberaubung schuldig gemacht hatte. Die Richter bescheinigten ihr "ein beachtliches Fantasie- und Beharrungsvermögen" und schreiben in ihrer Urteilsbegründung: "Sie handelte mit direktem Vorsatz." Dinkel habe die Ermittler bewusst und gewollt über die Täterschaft des Klägers getäuscht, "indem sie wahrheitswidrig aussagte (...) und sich zur Bekräftigung dieser Angaben selbst verletzte". Aus ihrer "aufgewendeten kriminellen Energie" folge, "dass es ihr darauf ankam, die Verhaftung des Klägers herbeizuführen".

Jörg Kachelmann verkneift sich die Tränen

Als der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel die Sitzung mit dem Hinweis beendet, dass dieses Urteil unanfechtbar und somit rechtskräftig sei, ist Claudia Dinkel außer sich. Sie springt auf, läuft zur Richterbank und faucht: "Sind Sie stolz auf sich? Dieses Urteil ist eine Schande für Deutschland!" Sagebiel droht ihr Ordnungsgeld und gar Ordnungshaft an, falls sie sich nicht zusammenreißt. Doch Claudia Dinkel will sich nicht beruhigen. Noch im Gerichtssaal, als sich mehrere Kameraleute um sie versammelt haben, verliest sie ein Statement. Den Vorsitzenden Richter beschimpft sie als "befangenen und frauenfeindlich". Der Richter habe mit seinem "ausschließlich männlich besetzten Senat" ein "katastrophales Fehlurteil" gesprochen. Mit diesem Urteil, ihre Stimme zittert, sei ein Exempel statuiert worden, "um Frauen einzuschüchtern, um sie davon abzuhalten, die Wahrheit über männliche Gewalt laut zu sagen. Man will uns Frauen stummschalten, damit das gesellschaftliche Machtgefüge im männerbündischen Täterstaat Deutschland nicht in Gefahr gerät!" Zwei Unterstützerinnen applaudieren wie von Sinnen.

Elf Jahre lang hatten der ehemalige Wettermann der ARD und die Radiomoderatorin aus Schwetzingen eine Affäre. Claudia Dinkel hielt es für die große Liebe, dachte an Heirat, Kinder vielleicht, für ihn war alles nur eine heimliche Beziehung unter vielen. Sie trafen sich einmal im Monat, fast immer in ihrer Wohnung. Als Dinkel Kachelmanns Scharade durchschaute, brach für sie eine Welt zusammen. Sie war zutiefst getroffen und auf Vergeltung aus. Da kam ihr der Gedanke, die Geschichte von der Vergewaltigung zu erfinden und Kachelmann zu erledigen. Die Zivilrichter schreiben in ihrem Urteil, dass "Rachemotive der Beklagten nicht auszuschließen sind". Claudia Dinkel habe "Hassgefühle gegen den Kläger" gehegt.

"Es ist so einfach, ein Leben zu zerstören"

Auch Jörg Kachelmann spricht ein paar Sätze in die Mikrofone, von Dankbarkeit ist die Rede. Er sagt: "Eine Verbrecherin schwingt sich zu einer Ikone des Feminismus auf. Das ist die größtmögliche Verhöhnung, die man echten Opfern von Vergewaltigungen zuteilwerden lassen kann. Sie zieht die echten Opfer in Zweifel." Und er spricht von dem zurückgewonnenen Glauben in den Rechtsstaat, von der Genugtuung, endlich als Opfer anerkannt worden zu sein.

Als die meisten Reporter weg sind, steht Kachelmann etwas benommen da und weiß nicht so recht, wohin mit sich. "Sie haben endlich keinen Zweifel, keine Türe mehr offen gelassen", sagt er. "Ich habe so viel Scheiße erlebt, dass ich jetzt trotzdem kaum lachen kann. Das wird erst mit der Zeit von mir abfallen." Einen Moment lang habe er gespürt, wie Tränen in ihm aufstiegen, aber er beherrschte sich. Er hätte darin ein falsches Signal gesehen.

Wenige Wochen vor dem Urteil, das Jörg Kachelmann so lange herbeigesehnt hat, sitzt er unter mächtigen Bäumen auf einer Parkbank in der Schweiz und blickt in den Himmel. Zürich ist nicht weit entfernt. Wo genau er lebt, soll nicht in der Zeitung stehen. Dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, es sieht nach Regen aus. Aber Kachelmann sagt: "Das zieht an uns vorbei." Er wird sich täuschen. Kachelmann beginnt zu erzählen. Noch einmal diese ganze Geschichte. Sie beginnt so: "Es ist so einfach, ein Leben zu zerstören."

Es ist der 20. März 2010, der Kachelmanns Leben zweiteilen wird. Von nun an gibt es ein Leben zuvor und ein Leben danach. In dem Leben, das er bis dahin führte, war er ein beliebter Fernsehmoderator. In dem Leben, das danach beginnt, ist er ein Monster. Kachelmann kehrt gerade von den Olympischen Spielen in Vancouver zurück, als die Ermittler ihn in der Tiefgarage des Frankfurter Flughafens festnehmen. Seine frühere Freundin Claudia Dinkel hatte ihn angezeigt, sie unter Verwendung eines Messers, das er an ihre Kehle gepresst haben soll, vergewaltigt zu haben. Es gibt keine objektiven Beweise dafür – und doch wird Kachelmann mehr als vier Monate lang in Untersuchungshaft bleiben.

Schon vier Wochen nach seiner Festnahme wird offenbar, dass die Geschichte von der angeblichen Vergewaltigung vor unwahren Behauptungen strotzt. Zwei von Kachelmanns Verteidigung in Auftrag gegebene rechtsmedizinische Gutachten zerpflücken Claudia Dinkels Aussagen. Die Schürfwunden am Hals: selbst beigebracht. Ebenso die Hämatome an den Oberschenkeln. Die drei oberflächlichen Ritzungen an Bauch und linkem Unterarm, die womöglich ebenfalls bei der Vergewaltigung passiert sein könnten, kommentiert der beauftragte Gutachter mit den Worten: "Eine Verursachung durch fremde Hand während eines dynamischen Geschehens, wie es von der Verletzten geschildert wurde, ist ausgesprochen unwahrscheinlich." An dem Messer, das Kachelmann angeblich während der gesamten sexuellen Handlung in der Hand hielt, finden die Ermittler nicht eine einzige DNA-Spur, die von Kachelmann stammt.

Als die Staatsanwaltschaft Dinkels Glaubwürdigkeit prüfen lässt, kommt die Aussagepsychologin nach stundenlanger Befragung zu dem Schluss, dass die Schilderungen des vermeintlichen Opfers "vage, oberflächlich und nur bedingt nachvollziehbar" seien. Außerdem habe Dinkel in wesentlichen Teilen der Tathandlung "Wahrnehmungs- und Erinnerungslücken vorgeschützt". Die Sachverständige hält dies für "Aussagemanagement".

Das hindert die Mannheimer Staatsanwaltschaft jedoch nicht daran, Jörg Kachelmann anzuklagen. Die Befunde der Gutachter werden kleingeredet, stattdessen beauftragt die Staatsanwaltschaft einen Psychotraumatologen damit, Claudia Dinkels Erinnerungslücken zu erklären. Dass dieser Traumatologe kein unabhängiger Experte, sondern Dinkels behandelnder Arzt ist, stört die Ermittler nicht. Jörg Kachelmann sagt heute: "Die wussten längst, dass ich unschuldig bin, aber der deutsche Beamte will im Felde unbesiegt bleiben."

"Diese Sache hat mein Leben materiell und beruflich komplett zerstört"

Als Kachelmann am 31. Mai 2011 freigesprochen wird, rufen ihm die Richter hinterher: Das Urteil beruhe nicht darauf, "dass die Kammer von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist". Sie entlassen ihn "mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht (...) als potenzieller Vergewaltiger". Vor dem Gerichtssaal umarmen Polizistinnen Claudia Dinkel und spenden ihr Trost.

Eine einseitig ermittelnde Staatsanwaltschaft, nachtretende Richter, distanzlose Polizeibeamte. Der Staat hat im Fall Kachelmann eine erbärmliche Figur abgegeben. Auch viele Medien verloren die Maßstäbe. Reporter belagerten das Haus der Eltern seiner Frau, ehemalige Geliebte Kachelmanns erfanden Schauergeschichten, Zeitungen druckten sie. Die Bild veröffentlichte Details aus Kachelmanns Sexualleben, Fotografen schossen heimlich Bilder von seinen Hofgängen im Gefängnis. Kachelmann war von einem Tag auf den anderen Freiwild geworden.

Hinter den Bäumen, unter denen Kachelmann erzählt, liegt ein Spielplatz. Seine Frau beschäftigt sich dort mit dem gemeinsamen zweijährigen Sohn. Das hier, seine Familie, ist inzwischen Kachelmanns Welt. Er hätte darin versinken können. Er hätte sich nach dem Freispruch unsichtbar und unhörbar machen können, aber er weigerte sich. Er wollte es anders machen als der Moderator Andreas Türck, der im Jahr 2005 vom Verdacht der Vergewaltigung freigesprochen worden war und sich danach lange aus der Öffentlichkeit zurückzog. "Irgendwelche PR-Berater", sagt Kachelmann, "wollten mir ständig einreden: ›Jörg, stay low, geh ins Kloster und tu Buße, komm als Geläuterter zurück.‹" Doch er wollte sich sein Leben nicht von den verhängnisvollen Lügen einer hasserfüllten Ex-Geliebten diktieren lassen. Sein Lieblingslied heißt I Won’t Back Down, gesungen von Johnny Cash. "Ich werde nicht zurückstecken." Es ist sein Lebensmotto geworden. Von Beginn an wollte Kachelmann kämpfen, um "diesen Stempel des Vielleicht-doch-Vergewaltigers", wie er das nennt, loszuwerden.

Der Fall Kachelmann hat die Nation entzweit. Auf der einen Seite stehen jene, die jeden zweiten Mann für einen Vergewaltiger halten, die anderen sehen in vielen Frauen rachsüchtige Furien, die Männer bewusst falsch einer Vergewaltigung bezichtigen. Die einen zitieren Studien, denen zufolge mindestens jede siebte Frau in Deutschland vergewaltigt wird. Die anderen führen Untersuchungen an, denen zufolge jede zweite Vergewaltigungsanzeige auf einer falschen Beschuldigung beruht. Ein Glaubenskrieg – Opfer auf der einen, Täter auf der anderen Seite. Dabei gibt es beides. Wer sich im Fall Kachelmann allein die Fakten ansieht, der kann nur zu dem Schluss kommen: Hier ist ein Mensch systematisch und öffentlich vernichtet worden. Und dieser Mensch ist nicht auf einem "juristischen Feldzug". Er will eine Lüge aus der Welt schaffen. Und sein Recht bekommen.

Kachelmann führt diesen Kampf seit mehr als fünf Jahren, vor Gericht, in seinem Buch Recht und Gerechtigkeit, auf Twitter. Mit dem Burda-Verlag, gegen dessen Magazine Bunte und Focus er geklagt hatte, einigte er sich 2015 auf Schadensersatz, es sollen einige Hunderttausend Euro gewesen sein. Der Axel-Springer-Verlag muss ihm nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln mehr als 500.000 Euro Schmerzensgeld zahlen – wegen vieler, zum Teil schwerwiegender Persönlichkeitsverletzungen in Bild, Bild am Sonntag und auf bild.de. Das ist viel Geld, und doch ist es für Kachelmann nur eine kleine Genugtuung. Er sagt: "Diese Sache hat mein Leben materiell und beruflich komplett zerstört. Es ist nichts mehr da, ich musste von unter null wieder anfangen. Und Frau Dinkel läuft frei herum."

Er hat auch seinen ehemaligen Strafverteidiger verklagt und Menschen, die ihn im Netz "Sexualstraftäter" nannten. Er ist gegen die Mannheimer Staatsanwaltschaft zu Felde gezogen, die mehr als ein Jahr nach dem Freispruch gegenüber Stern TV erklärt hatte, dass am Griff des Messers eine DNA-Spur Kachelmanns gefunden worden sei. "Das war brandschwarz gelogen", sagt er. Tatsächlich war schon während der Ermittlungen geklärt worden, dass die gefundene Spur nicht im Ansatz ausreichte, um sie Kachelmann zuzuordnen.

"Ich möchte meinem Sohn später einfach zeigen können, dass ich alles gemacht habe, um mich zu wehren", sagt Kachelmann. Er hat ihn mit zweitem Namen Johann genannt. Nach Johann Schwenn, dem Hamburger Strafverteidiger, der das Mandat mitten im Gerichtsprozess übernommen hatte. "Ich brauche Schwenn als lebendes Sedativum neben mir im Gerichtssaal", sagt Kachelmann, "wenn er da ist, weiß ich, dass die Welt in Ordnung ist."

Kachelmann verbrachte nach dem Freispruch Zeit in den USA, in Oklahoma, im Nirgendwo. In einer Gegend mit "elbow room", wie er sagt, mit viel Platz und Ruhe. Sein Sohn kam dort zur Welt, seine Frau setzte dort ihr Psychologiestudium fort, Kachelmann bereitete dort sein neues Wetterportal vor. Für den beruflichen Neustart musste die Familie in die Schweiz zurückkehren, das Land, das Kachelmann das beste der Welt nennt.

Claudia Dinkel hat mit ihrem Märchen viel Geld verdient

Kachelmann war Wettermann, Gastgeber einer Talkshow, ein Fernsehstar in Deutschland. Jetzt hat er ein kleines Start-up-Unternehmen in der Schweiz aufgebaut. Mit seinem Team hat er eine Wetterseite entwickelt, die er "von den Daten und der Vorhersagequalität die beste der Welt" nennt. Finanziell geht es aufwärts, aber der Kontrast zu dem Leben vor dem 20. März 2010 könnte kaum größer sein.

Während seine Frau in der Uni ist, passt er auf seinen Sohn auf. Er sei ein Helikoptervater, sagt Kachelmann, gehe auf den Spielplatz oder zum Einkaufen. Er vermeidet jede Situation – und sei es nur eine kurze Fahrstuhlfahrt –, in der er mit einer ihm unbekannten Frau allein sein könnte. Ständig hat er das Gefühl, sich umschauen zu müssen, als laufe jemand hinter ihm her, der ihn beobachte.

Kachelmann durchsucht das Netz nach allem, was mit seinem Fall zu tun haben könnte

Sein Fenster zur Welt ist Twitter, etwa 40 Tweets täglich setzt er dort ab. Meldungen übers Wetter, aber auch manche Attacke. Schon als Jugendlicher verfolgte er vor dem Fernseher Bundestagsdebatten. Vor allem Herbert Wehner faszinierte ihn, der hartleibige Wehner. "Ich möchte nicht unter Wehner-Niveau bleiben im Angriff", sagt Kachelmann. "Wenn ich mich in einer mir wichtigen Sache auseinandersetze, dann möchte ich das in all meiner mir zur Verfügung stehenden Deutlichkeit tun. Das hat nichts mit Zorn und Wut zu tun, es gibt einfach Dinge, bei denen ich keine Kompromisse machen will."

Wer seine Tweets verfolgt, könnte Kachelmann für einen zynischen, verbitterten Menschen halten. Ständig teilt er aus, mal trifft es Thomas Gottschalk, mal die Tagesschau, mal irgendeinen Meteorologen. Wer ihn angreift, muss mit einer Antwort wie dieser rechnen: "Sie sind dumm, böse, intrigant und haben keine Ahnung. Alles auf einmal strengt sehr an." Seine Lieblingsgegner sind Journalisten. Für sie hat er einen Hashtag erfunden: #vollpfostenjournalismus.

Kachelmann durchsucht das Internet nach allem, was mit seinem Fall zu tun haben könnte. Er ist getrieben davon, Beispiele zu finden von Männern, denen übel mitgespielt wurde, und von Frauen, die wie Gina-Lisa Lohfink aus einer erfundenen Vergewaltigungsgeschichte Kapital schlagen wollen.

Claudia Dinkel hat mit ihrem Märchen viel Geld verdient. Insgesamt 115.000 Euro kassierte sie für ein Exklusivinterview mit der Bunten sowie für ihre Filmrechte. Das hielt sie nicht davon ab, für den Zivilprozess in Frankfurt Prozesskostenhilfe zu beantragen. Dieses Instrument ist mittellosen Menschen vorbehalten, die sich solche Verfahren nicht leisten können. Claudia Dinkel wurde die Hilfe zunächst bewilligt, doch die Staatsanwaltschaft Frankfurt leitete später ein Ermittlungsverfahren gegen sie ein, das dann zu einer Anklage wegen versuchten Betruges führte. Das Strafverfahren wurde gegen eine Geldauflage von 1.000 Euro eingestellt.

Das Oberlandesgericht, das Kachelmanns Berufung zuließ, hat das Urteil des Landgerichts abgeändert, da dieses "den Kläger in seinem Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt" habe. Zur Klärung wurde der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Frankfurt am Main einbestellt, Marcel Verhoff. Dieser erklärte, dass alle Verletzungen bei Claudia Dinkel zwar "durch fremde Hand oder Unfallgeschehen entstanden sein" könnten, aber "deutlich mehr (...) für Selbstbeibringungen" spreche. Dieser Einschätzung schloss sich das Gericht an.

In einem Zivilverfahren gelten andere Regeln als in einem Strafprozess. Die Beweislast liegt beim Kläger. Jörg Kachelmann ist es gelungen, die nötigen Beweise beizubringen. Damit ist die Sache für ihn erledigt. Für Claudia Dinkel jedoch könnte es jetzt erst richtig losgehen. Das Gericht hat Straftaten festgestellt, uneidliche Falschaussagen und schwere Freiheitsberaubung – sogenannte Offizialdelikte. Die Falschaussage ist verjährt, bei der schweren Freiheitsberaubung prüft die Staatsanwaltschaft einen Anfangsverdacht. Am Ende könnte es Claudia Dinkel sein, die ins Gefängnis muss.

Hinweis der Redaktion, 6.10.2016: In der ZEIT hieß es: "Das Strafverfahren wurde gegen eine Geldstrafe von 1.000 Euro eingestellt." Wir haben dies in: "Das Strafverfahren wurde gegen eine Geldauflage von 1.000 Euro eingestellt."  korrigiert.