Die Ziegen sollten eigentlich tot sein. Eine ganze Herde blockiert die Straße rund um den See am Rand von Srinagar, der Hauptstadt von Kaschmir. Über das Wasser hinweg sieht man die weiße Kuppel der Hazratbal-Moschee, die ein Haar vom Bart des Propheten Mohammed als kostbare Reliquie verwahrt; ringsum erhebt sich das Panorama der Berge; am Ufer liegen die Hausboote, die als die schwimmenden Ferienwohnungen dieser Postkartenlandschaft berühmt sind. Aber an den Ziegen merkt man, dass etwas nicht stimmt.

Sie wären normalerweise zum muslimischen Opferfest, Mitte September, geschlachtet worden. Doch Kaschmir, die Region im äußersten Norden Indiens, hat Wochen der politischen Erschütterung hinter sich, mit Unruhen, Ausgangssperren und verbarrikadierten Geschäften. Große Versammlungen zum Opferfest waren verboten, die meisten Gläubigen konnten nicht feiern, schlachten oder tafeln. So haben die Ziegen überlebt. Als Zeugen, dass die Welt hier aus den Fugen ist.

Kaschmir ist gesegnet und gequält zugleich: halb Paradies, halb Kaserne. Es ist die am stärksten militarisierte Region der Welt, der Schauplatz eines hoffnungslosen Dauerkonflikts zwischen Indien und Pakistan. Für viele Kaschmiris im indisch kontrollierten Teil ist Indien eine verhasste Besatzungsmacht. Ein bewaffneter, von Pakistan unterstützter Aufstand in den 1990er Jahren und seine brutale Unterdrückung durch indische Sicherheitskräfte haben Zehntausende von Menschenleben gekostet. In diesem Sommer hat die Erschießung eines Milizen-Kommandeurs, der gegen die Inder kämpfte, eine neue Spirale von Protest und Repression in Gang gesetzt. In den vergangenen Wochen sind zwei indische Militärstützpunkte von Terroristen angegriffen worden, die aus dem pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs eingesickert waren. Indiens Militär hat nach eigenen Angaben mit einer Kommandoaktion im Feindesland Vergeltung geübt. Dass das laut verkündet wurde, signalisiert die dramatischste Verschärfung im Verhältnis der Nachbarstaaten seit Jahren.

Kaschmir ist das Konfliktzentrum der beiden verfeindeten Atommächte in Südasien, ein potenzieller Weltbrennpunkt. Der irgendwie zugleich in einem blinden Fleck der globalen Aufmerksamkeit liegt, als werde hier am Ende doch keine ganz große Katastrophe passieren. Nur dass das in Wahrheit niemand wissen kann.

Die drei Studentinnen, die in einem Lokal am Fluss Jhelum sitzen, tauchen gerade aus der Isolation der jüngsten Krise wieder in einen normalen Alltag auf. Sie gehen auf das staatliche "Frauen-College" in Srinagar, aber an der Universität finden seit Wochen keine Seminare statt. Sie haben Tag für Tag zu Hause gesessen, Romane gelesen, Musik gehört und über der verzweifelten politische Lage gebrütet. Das Café, in dem wir uns treffen, ist nach langer Schließung zum ersten Mal wieder geöffnet – was im Augenblick nicht mehr heißt, als dass man an den Tischen Platz nehmen kann; Tee gibt es noch nicht, von Essen ganz zu schweigen: Die Küche ist noch nicht wieder in Betrieb.

"Die Sache ist", fasst Munazah ihr Lebensgefühl zusammen, "wir sind Kaschmiris, und wir werden hier von einer fremden Macht unterdrückt." Die Studentinnen erzählen von der Unmöglichkeit, in der Universität über Politik zu diskutieren: Die verängstigten Dozenten würden das sofort unterbinden. Als sie einmal auf dem Campus eine Demonstration gegen den israelischen Krieg im Gazastreifen filmen wollten, hätten ihre Lehrer ihnen die Kameras weggenommen. Sie sprechen über die Sondergesetzgebung, dank der das indische Militär faktisch vor der Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen geschützt ist: "Das sind die wirklichen Terroristen." Und sie reden über die Schrotmunition, die während der Proteste gegen Demonstranten eingesetzt wurde – "nicht tödliche" Geschosse, wie es offiziell beruhigend heißt, die aber zur Erblindung führen können und für die Kaschmiris zum Inbegriff der Repression geworden sind.

Die drei jungen Frauen sind politisch total verbittert, aber dennoch gut gelaunt. Sie sind jetzt Anfang oder Mitte zwanzig, ihr ganzes Erwachsenenleben steht im Zeichen eines ständigen Widerspruchs gegen einen Staat, der sie regieren will und den sie nicht als ihren eigenen anerkennen. "Wir haben das satt", sagt Saina fast verächtlich wegwerfend auf die Frage, ob die Unruhe in Kaschmir von Pakistan angestachelt sei, wie die Inder es darstellen. Sie und ihre Kommilitoninnen wollen kein pakistanisches, sondern ein unabhängiges Kaschmir, einen echten eigenen Staat – obwohl ihnen in der Tiefe ihres Herzens klar sein muss, dass Indien Kaschmir niemals aufgeben wird. Zugleich haben sie ein seltsam emotionales Verhältnis zu Pakistan, das sonst weltweit schon fast als Paria gilt: Es ist aus ihrer Sicht das einzige Land, das seine Stimme für die Kaschmiris erhebt. Als sie zum ersten Mal die Grenze überquert hat und in Pakistan war, erzählt Saina, fing sie vor Rührung unkontrolliert an zu weinen. Während sie das sagt, muss sie lachen. Sie weiß selbst, wie absurd es klingt.

Es geht in Kaschmir um Land und Souveränität und Selbstbestimmung: Es ist ein politischer Konflikt. Aber es geht auch um Religion: Die meisten Kaschmiris sind Muslime, die Mehrheit der Inder dagegen Hindus. Das Element "Islam" ist es, das im Jahr 2016 und im Zeitalter des clash of civilizations der Kaschmir-Frage ihre Brisanz gibt. Die Inder glauben, dass sie es in Kaschmir nicht mehr mit einem Unabhängigkeitskampf, sondern mit religiösem Radikalismus zu tun haben. Es ist eine Dynamik, die auch das Palästina-Problem revolutioniert hat: Was einmal ein Streit um Grenzen und Gebiete war, wurde von Gruppen wie der Hamas hineingesogen in den internationalen Ideologie- und Gewaltstrudel des Dschihad. Droht so etwas auch in Kaschmir? "Es ist längst passiert", sagt ein hoher indischer Sicherheitsbeamter in Srinagar. "Selbstbestimmung", erklärt er, "ist das Narrativ an der Oberfläche; darunter geht es um den Islam." Er weist auf ein Video hin, das der im Sommer getötete Milizen-Kommandeur aufgenommen hatte. Ganz im Stil von Al-Kaida und am Ende mit einem Bekenntnis zum Kalifat, zum Traum vom großen, grenzüberschreitenden muslimischen Glaubensreich. Von Freiheit für Kaschmir sei gar nicht mehr die Rede.