Kate Tempest heißt eigentlich Kate Calvert und ist 30 Jahre alt. Als Lyrikerin, Musikerin und Schriftstellerin ist sie eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation. Mit ihrem Debütalbum "Everybody Down" tourte sie monatelang durch die Welt. Im Sommer veröffentlichte sie ihren ersten Roman "Worauf du dich verlassen kannst". Am 7. Oktober erscheint ihr neues Hip-Hop-Album "Let Them Eat Chaos".

DIE ZEIT: Sitze ich vor Kate Calvert oder ihrem Alter Ego Kate Tempest?

Kate Tempest: Sie sitzen vor Kate Tempest. Wir sind hier ja nicht privat beisammen, sondern ich absolviere einen PR-Termin. Das ist Arbeit und kein Vergnügen. Sie sind hier auch nicht, weil wir uns kennen, sondern weil Sie dafür bezahlt werden.

ZEIT: Gelingt Ihnen diese Trennung immer?

Tempest: Das ist kein Problem für mich. Die einzige Herausforderung besteht darin, dass ich Kate Tempest nicht zu viel Raum in meinem Leben geben darf.

ZEIT: Sie sind enorm produktiv. Wann haben Sie zuletzt Ferien gemacht?

Tempest: Keine Ahnung, ich kann mich nicht erinnern.

ZEIT: Schreiben Sie täglich?

Tempest: Nein. Aber beinahe. Wenn ich einige Tage lang nichts geschrieben habe, stellt sich ein körperliches Unwohlsein ein, so als wenn ich krank würde. Mein Verstand bewölkt sich, und der innere Druck nimmt enorm zu. Als ich jünger war, habe ich aus Prinzip jeden Tag geschrieben, einfach zum Training, so als wenn man einen Muskel trainiert. Das Schönste ist, einfach so zu schreiben, ohne Zweck und Ziel. Vielleicht in einem Raum zu sitzen und aufzuschreiben, wie der so aussieht. Ich liebe das, weil es ohne Druck ist und weil es einen daran erinnert, warum man überhaupt schreibt.

ZEIT: Sie scheinen Ihre Bühnenauftritte sehr zu genießen. Haben Sie die Publikumswirkung mancher Ihrer Musiktexte im Kopf, wenn Sie schreiben?

Tempest: Nein, ich denke, dass die Arbeit an einer Platte sich grundsätzlich von einem Konzert unterscheidet. Wenn ich im Studio meine Texte aufführe, ist das ganz anders, als wenn ich es vor Publikum mache. Das sind ganz verschiedene Formen von Intimität. Für die neue Platte habe ich im Studio ganz bewusst mit weichen, sanften Tönen experimentiert. Im Studio habe ich manche Wörter nur geflüstert und gehaucht, weil ich die Zuhörer ganz nah an die Texte heranziehen wollte. Solche Experimente mache ich vor Publikum nicht. Auf der Bühne werde ich von den Zuhörern elektrisiert.

ZEIT: Was ist Ihr bevorzugtes Format?

Tempest: Das Schönste für mich ist schon, eine Platte zu machen. Alles, was ich heute mache, ist auf meine ursprüngliche lebenslange Freude an der Musik zurückzuführen. Wenn ich Musik mache, erlebe ich immer wieder Momente von tief greifender Freude. Das pure Glück.

ZEIT: Macht das Schreiben Sie ähnlich glücklich?

Tempest: Nur selten. In der Regel ist es achtzig Prozent Agonie und zwanzig Prozent Anarchie. Es ist Arbeit. Wenn es in einem Text hakt, muss man eben so lange an den ran, bis er funktioniert. Das kann einem natürlich die Nerven ruinieren und den Schlaf rauben, aber trotzdem muss man da durch.

ZEIT: Wie viele ungenutzte Texte haben Sie rumliegen?

Tempest: Hunderte Gedichte, für die ich nie eine Verwendung fand. Stapel von vollgeschriebenen Notizbüchern, die ich auch niemals nutzen werde, denn es ist deprimierend, mit alten Ideen zu arbeiten. Ich muss immer bei null neu anfangen, sonst macht es mir keinen Spaß.

ZEIT: Wann begann Ihr Interesse an Sprache und Texten?

Tempest: So einen Erweckungsmoment, den Journalisten erwarten, gab es nicht. Seit ich mich erinnern kann, habe ich Sprache und Literatur geliebt. Das war immer da. Der bloße Vorgang des Lesens machte mich glücklich, seit ich drei oder vier Jahre alt war. Das war bei Musik ähnlich. Hip-Hop zu entdecken war dann tatsächlich lebensverändernd für mich. Die Kultur dahinter, die Musik und die Lyrik überwältigten mich. Das alles hat mich verändert.

ZEIT: Eigentlich wollten Sie als Teenager mal Rapperin werden?

Tempest: Stimmt, Schreiberin wurde ich dann eher zufällig. Da spülte mich das Leben hin. Aber mit Texten begann ich mich wegen Hip-Hop intensiver zu beschäftigen. Ich wollte eigentlich Text-Schreiberin für Rapper werden und landete dann auf Umwegen bei der Poesie.

ZEIT: Europe Is Lost heißt ein Song Ihres neuen Albums. Ihr Kommentar zum Brexit?

Tempest: Das könnte man so sehen. Stimmt. Aber ich fand es schon immer unsinnig, Texte zu erklären. Ein Text steht für sich: "Europe is lost. America lost. London is lost. Still we are clamouring victory." Noch Fragen?

ZEIT: Sind Sie Optimistin?

Tempest: Ja, weil ich an die gesunde Substanz der Kreativität glaube. Egal wie furchterregend der Zustand der Welt gerade sein mag, ist da immer die Hoffnung, dass eine frische Idee alles wieder ins Gleichgewicht bringt. Das Leben ist wundervoll, manchmal stimmt nur eben die Balance nicht. In Hip-Hop-Texten ist oft vom Teufel und dem Fegefeuer die Rede und von den höllischen Versuchungen, denen die Menschen der Gegenwart ausgesetzt sind. Aber Kreativität entfaltet sich seit Jahrhunderten auch in den finstersten Lebenswelten.

ZEIT: Sie sind in London geboren und aufgewachsen. Wie höllisch ist London?

Tempest: Die Immobilienpreise da sind die Hölle der Gegenwart. Aber wer weiß, was für faszinierende Folgen das noch haben könnte.