Auch der 71-jährige Japaner Oshinori Ohsumi hat noch einmal genau hingeschaut, wo vermeintlich alles geklärt schien. Was er dabei entdeckte, ist nun Teil der Antwort auf eine ganz fundamentale Frage allen Lebens: Wieso stirbt eine Zelle nicht sofort?

Denn betrachten wir Zellen mit den Augen eines Physikers, so sehen wir ein offenes System in einem Zustand hoher Ordnung. Organellen, Skelettstrukturen, winzige Reaktionsgefäße für den Stoffwechsel und vieles mehr. Dabei muss auch das System Zelle einem Grundgesetz der Physik gehorchen, dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Er schreibt vor, dass solche Systeme stets in eine Richtung streben: Unordnung. Biologisch betrachtet heißt das: Die Zelle strebt dem Tod entgegen. Eiweiße brechen, Organellen werden defekt, Stoffwechselanlagen rosten.

Überleben kann sie nur, indem sie ständig Energie aufnimmt, um ihre Ordnung zu halten. Das Ergebnis sind erneuerte Strukturen, aber auch alter Zellmüll. An ihm würde die Zelle ersticken. Deshalb hat sich Oshinori Ohsumi gefragt: Wie beseitigt die Zelle ihren Müll? Antwort: Indem sie es schafft, Eiweißaggregate, abgenutzte Zellorganellen, sogar eingedrungene Erreger zu zerlegen, zu recyceln oder aus ihnen Energie zu gewinnen. Autophagie nennt die Fachwelt das.

Die Erkenntnis, für die Ohsumi den diesjährigen Medizinnobelpreis erhält, ist mehr als nur verdienstvolle Grundlagenforschung. Der Japaner hat das Rätsel gelöst, wie das Leben dem Tod durch Thermodynamik entkommt. Wenigstens für eine gewisse Zeit.