Es gibt Begriffe, die sich gut anhören, die man gerne verwendet, aber die bei näherer Betrachtung nichtssagend und wenig hilfreich sind. Kulturdiplomatie ist so ein Begriff. Damit ist gemeint: Museen, Theater und andere Kulturinstitutionen sollen neben ihren eigentlichen Aufgaben auch weiche politische Ziele verfolgen. Sie sollen Menschen dort erreichen, wo sie die Politik offensichtlich nicht mehr erreichen kann.

Das scheint auf den ersten Blick ein seltsam überspanntes Anliegen zu sein. Wegen eines Museums ist Gott sei Dank noch kein Krieg begonnen worden. Welchen Krieg aber haben die Museen je verhindern können? Wird die politische Bedeutung der Museen nicht hoffnungslos überschätzt?

Nein, gerade jetzt, in Zeiten wie diesen, wäre es grundverkehrt, die Direktoren und Kuratoren vorschnell aus der Verantwortung zu entlassen. Wer ein Museum, eine Sammlung leitet, darf nicht nur die konservatorischen Belange im Blick haben, sondern ebenso die moralischen und ethischen Werte.

Was passiert, wenn dies nicht geschieht, wissen wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Deutschland der späten Weimarer Republik schaute die Kulturwelt in großen Teilen stumm dabei zu, wie sich ein überzogener und blinder Nationalismus in den Nationalsozialismus verwandelte und die Kultur zu einem Instrument der Propaganda wurde.

Nationalmuseen, Nationaltheater, Opernhäuser sind nicht unpolitisch. Wer dies glaubt, überlässt die Häuser ungeschützt dem politischen Einfluss. Es gehört zu ihren Aufgaben, die moralische und ethische Dimension ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit zu vertreten. Museen und Sammlungen haben etwas Widerständiges an sich, sonst hätten sie nicht unzählige Systemwechsel in Europa überlebt. Deshalb wundert es mich sehr, dass in Deutschland so gut wie niemand aus der Kultur und Kunst gegen den zunehmenden Nationalismus, den xenophobischen Hass aufsteht. In der sächsischen Kleinstadt Bautzen schikanieren Neonazis junge Emigranten, und was macht die Polizei? Sie stellt die Emigranten unter Hausarrest. Wo bleiben da die Mahner aus der Kultur? Weshalb meldet sich hier nicht Monika Grütters lautstark zu Wort? Hat man mit der Einrichtung einer Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien nicht eine kompetente Stimme des Bundes schaffen wollen, eine Stimme, die nicht nur fördert, sondern auch fordert, mahnt, interveniert?

Vielleicht träume ich auch nur von einem populären intellektuellen Schwergewicht und wünsche mir einen Edwin Redslob des 21. Jahrhunderts. Anstatt das Humboldt Forum in Berlin zum Schönefeld der Kultur werden zu lassen, könnte man mit den dort bisher weitgehend konzeptlos verbauten Betonmillionen überall in Deutschland Zentren für eine offene und demokratische Gesellschaft unterstützen – das wäre zugegeben etwas weniger im Sinne der Gebrüder Humboldt, dafür mehr im Sinne von Popper und Habermas. Anknüpfungspunkte für ein solches kritisch-politisches Denken gibt es in jeder Museumssammlung.

Hier geht es wirklich um Kulturdiplomatie, um ein Brückenbauen mit Kultur. Nur 50 Kilometer entfernt von Bautzen befindet sich übrigens eine der schönsten islamischen Sammlungen weltweit, sie ist der Stolz der Kulturmetropole Dresden – oder sollte es sein. In Dresden, das vor 70 Jahren aussah wie Aleppo heute, werden Sprengsätze gezündet, und Menschen klatschen Beifall vor brennenden Flüchtlingsheimen. Wir sind heute in unserer behaglichen Kulturnation offenbar wieder umgeben von Brandstiftern. Und was tut die Kultur? Sie schaut zu.