Doch ist die Lage außerhalb Deutschlands nicht besser. Wer protestiert in Frankreich gegen die Zerstörung der französischen liberalen Grundwerte durch den Front National? Und wer wehrt sich gegen die Vorgänge in England?

Niemand kann bisher ernsthaft sagen, was der Brexit für die Kultur bedeuten wird. Es ist wie mit der Klimakatastrophe, etwas Bedrohliches ist plötzlich mitten unter uns, wir kennen nur nicht die Auswirkungen. Ukip kündigt nun eine europaweite Einflussnahme an – wenn das nicht bedrohlich ist.

Doch was tun die Museen, Theater, Opernhäuser? Sie machen weiter, als sei nichts geschehen. Museum ist Business, Kultur ist Business, die Kreativindustrien sind Business. Davon profitieren die Volkswirtschaften immens, das ist überall nachzulesen. Allein die Londoner Museen ziehen mehr als 30 Millionen Besucher jedes Jahr an, und damit sind nur direkte Gewinne ausgewiesen, von den indirekten Gewinnen ganz zu schweigen. Können wir darauf verzichten? Müssten nicht die Museen schon aus ökonomischen Gründen gegen den grassierenden Nationalismus in Europa aufbegehren?

Viele der Kulturprogramme bauen auf die Zusammenarbeit mit Spezialisten weltweit auf. Schon heute ist es fast unmöglich, konsequent zu planen, weil es immer schwerer wird, ein Visum zu erhalten. Wenn wir schließlich auch in Kern-Europa eine Visumspflicht einführen, wird die Abschottungspolitik zu erheblichen Verlusten führen. Ein Europa der Grenzen, der Zölle, der Kontrollen könnte das ertragreiche Business nahezu unmöglich machen.

Die Älteren unter uns erinnern sich daran, dass internationale Leihgaben und damit hochattraktive Spezialausstellungen erst nach dem Fall der Grenzen wirklich möglich wurden. Wenn die Politik durch neue Hürden und Grenzen auf diese Form der Bildung verzichten möchte, ist es bedauerlich. Aber ich frage mich, wie die Verantwortlichen den Geschäftsverlust im einträglichen Kunst-Kultur-Business und in den Creative Industries dann der Öffentlichkeit erklären wollen. Allein der Brexit kostet das Vereinigte Königreich im kommenden Jahr 65 Millionen Pfund nur an Verwaltungskosten. Ich würde darauf wetten, dass dieses Geld dem Kulturhaushalt entnommen wird. Vermutlich verbunden mit Lügen, wie man sie aus den Zeiten des Kalten Kriegs kennt, damals vor allem in kommunistischen Ländern.

Wie gesagt, in der Kultur lebt etwas Widerständiges, sonst hätten unsere europäischen Sammlungen nicht Jahrhunderte unter zum Teil schwersten Bedingungen überlebt – viele Menschen aber sind den Katastrophen zum Opfer gefallen. "Nationalismus bedeutet Krieg", sagte François Mitterrand in einer seiner letzten Reden, das kann dann auch die Kulturdiplomatie nicht verhindern. Wie großartig aber wäre es, wenn jeder, der in Europa verantwortlich ist für die Zeugnisse der Geschichte – in den Hochschulen, Archiven, Bibliotheken, Museen, Theatern, Opern –, aufstehen würde und ganz einfach erklärte, zu welchem kulturellen Selbstmord ein übersteigerter Nationalismus führt. Vor allem sollten sich jene zu Wort melden, die durch ihre Reputation, ihre Erfahrung – und ihre Macht in der Lage sind, den gesellschaftlichen Diskurs entscheidend zu prägen. Sie sollten es tun, solange sie dies noch unabhängig und mit stolzer Stimme vermögen.

Sind solche Sorgen übertrieben, wird man als Mahner nicht rasch zum Defätisten? Wer wollte heute darauf wetten, dass der Direktor des Louvre nach einem Wahlsieg des Front National nicht ganz rasch gegen einen linientreuen Parteigänger ausgewechselt wird? In Polen und Ungarn kennen wir solche Vorgänge bereits.