Nur wenige Jurys nehmen es mit der Geheimhaltung so genau wie jene, die über die Nobelpreise befinden. 573-mal sind die Preise von 1901 bis 2015 vergeben worden, an 870 Menschen und 23 Organisationen. Und niemand außer den Juroren wusste zuvor, wer sie erhalten würde. Das macht die alljährliche Bekanntgabe so aufregend.

Die Inszenierung gelingt auch, weil Forschung hier ein Gesicht bekommt. Der Preis wird für – oft längst vergangene – Heldentaten Einzelner verliehen.

Bald jedoch soll die Wissenschaft anders aussehen. Nicht verborgen, nicht einsam, offen soll sie sein und kooperativ: Open Science. Forscher sollen nicht nur die Resultate, sondern auch die Daten ihrer Experimente zugänglich machen (Open Data). Sie sollen Bürger in ihre Arbeit einbeziehen (Participation). Ihre Publikationen sollen jedem zugänglich sein (Open Access).

Warum diese Wende?

Sie hat – zunächst – interne Gründe: Mehr Kooperation verspricht mehr Erkenntnis, Big Data gilt in der Forschung als der nächste große Treiber. Mehr Transparenz ist zudem zur Qualitätssicherung erforderlich: Sie erschwert Fälschungen, macht Experimente nachvollziehbar und erleichtert so die Selbstkontrolle der Forschung.

Aber auch ein gesellschaftlicher Wandel lässt Forscher umdenken. Den Nobelpreisen zum Trotz: Das Misstrauen ihnen gegenüber wächst. Nicht nur die Politik (Trump versus Clinton), auch die Wissenschaft scheint im postfaktischen Zeitalter angekommen. Verschwörungstheorien und parawissenschaftliche Thesen verbreiten sich. Auf Artikel zum Thema Impfen reagieren viele, sogar gebildete Menschen mit der Behauptung, Viren seien eine Erfindung der Pharmaindustrie. Open Science ist also eine vertrauensbildende Maßnahme: Sie zweifeln an Viren? Hier sind die Daten!

Die Chancen, die in Daten und Kooperationen stecken, sind groß. Die neue Offenheit der Forscher könnte "der Menschheit" mehr nutzen, als es Alfred Nobel in seinem Testament je von einzelnen Helden der Wissenschaft erhofft hat. Bleibt eine Frage: Kann es dann noch Nobelpreisträger geben?

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