Die Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland sieht man in der sattgrünen Hügellandschaft nicht mehr. Man hört sie nur noch: Im Norden der Insel sind die Straßen mit groberem Asphalt belegt. Summen die Autoreifen etwas tiefer, weiß man deshalb: Hier regiert London über das Land. Und da der Brexit, wie die britische Premierministerin Theresa May deutlich gemacht hat, als harter Brexit vollzogen werde, bedeutet dies: Entlang der gerade so herrlich unwichtig gewordenen Trennlinie zwischen Irland und Nordirland wird demnächst eine Außengrenze der Europäischen Union verlaufen. Mitten durch die Insel wird eine physische Barriere gezogen.

Mindestens für die Zollabfertigung von Waren, vielleicht aber auch für Personenkontrollen, wird es Kontrollposten geben müssen. Wachhäuschen und Uniformierte, vor denen sich Verkehrsstaus bilden – psychologisch wäre dies für viele der Inselbewohner etwa so verstörend wie für Deutsche die Neuerrichtung von Übergangsstellen zwischen Hessen und Thüringen. Der Ausstieg aus der EU droht in Nordirland einen alten Konflikt wieder aufzureißen, der erst 1998 mühsam beendet worden war.

Der Unternehmer Tom Kelly kann sich nur zu gut an die Zeiten erinnern, als der ganze Landstrich einer Sicherheitszone glich. Er ist in Newry aufgewachsen, einem Ort nahe der Grenze. Hier hatte die Irisch-Republikanische Armee (IRA) die meisten Unterstützer, die bestgefüllten Waffendepots und einige ihrer brutalsten Anführer. "Bandit Country" lautet der Beiname der Grafschaft South Armagh bis heute. Die britische Armee unterhielt Checkpoints an jeder Ausfallstraße, Hubschrauber dröhnten über den Dörfern, und von fast jeder größeren Erhebung aus überblickten Wachtürme mit unzähligen Kameras die Gegend. "Wir wurden ständig durchsucht", erzählt Kelly über die Zeit der Teilung. "Als ich 19 war, haben britische Soldaten an einem Checkpoint die komplette Innenverkleidung meines ersten Autos abgerissen."

Als Geschäftsmann ist Kelly oft in London. Weil er befürchtet, dass der Brexit der irischen Wirtschaft schaden könnte, hat er in diesem Jahr die nordirische Kampagne für den Verbleib in der EU angeführt. Mit Erfolg: 56 Prozent der Nordiren stimmten am 23. Juni dafür. Vor allem Katholiken wie Kelly, die sich kulturell der Republik Irland und damit der EU zugehörig fühlen, wählten "Remain". Doch was zählt, ist das gesamtbritische Votum – Nordirland wird die EU gegen seinen Willen verlassen müssen.

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Die Partei Sinn Féin, jahrzehntelang das Sprachrohr der IRA und heute Koalitionär in der Provinzregierung, forderte nach dem Votum deshalb ein zweites Referendum über eine Wiedervereinigung der Insel. Sie soll als Ganzes EU-Mitglied bleiben – und aus der Union mit Großbritannien austreten. Premierministerin May hat dagegen jetzt klar Stellung bezogen: "Ich werde es niemals zulassen, dass spalterische Nationalisten die Einheit zwischen den vier Teilen Großbritanniens schwächen."

Tom Kelly fürchtet, dass eine neue, "von London erzwungene" Grenze die nordirische Gesellschaft spalten könnte. Voller Sorge erzählt er von einer Dissidentengruppe namens "Real IRA", die Anhänger unter arbeitslosen jungen Leuten rekrutiere. Sein Horrorszenario sieht so aus: Aufgrund der Unsicherheit wandern große Firmen nach Dublin in der Republik Irland ab, was in Nordirland Arbeitslosigkeit schafft, die zu neuer Radikalisierung und zu politischen Unruhen führt, die am Ende womöglich vieles von dem erschüttern, was hier in den vergangenen 25 Jahren an wirtschaftlichem und politischem Aufbau erreicht wurde. "Es besteht die Gefahr, dass die IRA wiedererstarkt", meint Kelly.

Die IRA soll noch gefährlich sein? Jedenfalls im Örtchen Crossmaglen verbarrikadiert sich die Polizei immer noch, als erwarte sie jederzeit den nächsten Terrorangriff. Während der Bürgerkriegsjahre unterhielten sie und die Armee hier wichtige Kasernen. Dutzende Soldaten und Beamte starben durch Straßenbomben und Scharfschützen der IRA. Wer nach der heutigen Sicherheitslage fragen will, drückt einen Klingelknopf in einer sechs Meter hohen Mauer aus Beton und Draht. Eine Tür öffnet sich und führt in eine Schleuse, an deren Ende eine zweite, noch schwerere Eisentür wartet. Im Neonlicht der Polizeikaserne sagt der blasse Beamte nur: "Wissen Sie, wenn diese Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr notwendig wären, dann würden wir sie abbauen."