Er ist ein Mann des Friedens. Doch wenn sich Papst Franziskus in Rage redet, gleitet seine Ausdrucksweise schon mal ins Derb-Martialische ab. So warnte Franziskus etwa während seiner jüngsten Kaukasus-Reise vor einem "weltweiten Krieg, um die Ehe zu zerstören". Dieser werde "nicht mit Waffen geführt, sondern durch ideologische Kolonisierung". Es gelte, so der Papst, die Ehe zu verteidigen gegen den "großen Feind": die "Gendertheorie". Je alarmierender die Mahnung, so das Kalkül, desto mehr Gehör findet der Mahner, desto eher vereinigen sich die Bataillone hinter dem Feldherrn des Reinen und Guten im Kampf gegen die Heerscharen der Finsternis.

Natürlich gehörte ein bisschen Endkampfstimmung zum Katholizismus stets dazu. Erst kämpfte man gegen römische Dekadenz, dann gegen islamische Konkurrenz, später gegen Luthers Renitenz und schließlich gegen kommunistische Intelligenz. Doch nun geht es gegen einen, glaubt man der Rhetorik, noch gefährlicheren Feind: die abendländisch aufgeklärt-intelligente Kompetenz einer dekadent gewordenen Wissenschaft formerly known as "Gender Studies". Angeblich nämlich haben die schwarzen Ritter vom "Genderwahn" nichts Besseres zu tun, als den Menschen einzureden, dass jeder sein eigener Gott sein könne und nach Lust und Laune entscheiden dürfe, ob er Männlein oder Weiblein ist.

Die Mahnung vereint. Da hauen sich Konservative, Deutschnationale, Alu-Hut tragende Verschwörungstheoretiker, Merkel-gefrustete Abendlandsverteidiger, kurz: alle mit einem "Endlich sagt es einer" aufs Knie, die Unisex-Toiletten schon immer für Sünde, Homosexuelle für krank und Männer im Rock für mindestens pervers gehalten haben. Zugegeben: Franziskus ist nicht der erste Papst, der in die Kerbe haut. Bereits Benedikt XVI. leistete 2008 Kärrnerarbeit am Feindbild: "Was in dem Begriff 'Gender' vielfach … gemeint ist", sagte er damals, "läuft letztlich auf die Selbstemanzipation des Menschen … hinaus", denn es verstoße gegen den "Schöpfergeist". Dessen Missachtung führe, so Benedikt XVI., zur "Selbstzerstörung des Menschen" und zur "Zerstörung des Werkes Gottes".

Da war er also bereits in der Welt, der Weltkrieg um die Abendlandseele.

Fast unerheblich ist dabei, was die Gender Studies als Teildisziplin der Sozialwissenschaften wirklich meinen und erforschen. Ihr Ansatz, zwischen dem biologischen (Sex) und dem sozialen Geschlecht (Gender) – also den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen auf der einen und den geschlechtsspezifischen Erwartungen, Konventionen, Traditionen auf der anderen Seite – zu unterscheiden, wird dabei absichtlich als Versuch missverstanden, beides zu zerstören und an die Stelle eine Ideologie des "Anything-goes" zu setzen. Dabei ist das, was mit dem Wort "Gender" eigentlich gemeint ist, keine Welteroberungsfantasie von grün angestrichenen Illuminaten. Und es negiert auch nicht den Schöpfergeist, indem alles mit allem gleichgemacht wird. Die Gender Studies fragen nach den sozialen Ungleichheiten, die sich aus der Geschlechtszugehörigkeit ergeben: Warum verdienen Frauen bei gleicher Leistung weniger als Männer? Warum müssen Kellnerinnen auf dem Oktoberfest zur Freude der männlichen Kundschaft aus dem Dirndl-Ausschnitt quellen?

Natürlich beschreiben die Gender Studies soziale Ungleichheit, um sie zu bewältigen. Das ist ihre idealistische Tiefenströmung. Von der Ideologie unterscheidet sie, die Gesellschaft nicht künstlich erschaffen zu wollen. Ziel ist, die vorgefundene Gesellschaft in einem begrenzten Bereich gerechter zu gestalten. Das Individuum mit seinem Leid, seiner Angst, seinen Wünschen steht im Mittelpunkt, nicht die Idee, nicht die Lehre, keine wie auch immer geartete Wahrheit. Auch das imprägniert gegen Allmachtsfantasien.

Homosexuelle und Transgender leiden. Nicht mal Franziskus, der – sehr viel milder gestimmt – auf dem Rückflug aus dem Kaukasus erzählte, einen Transgender-Mann samt Gattin zu kennen, bestreitet das. Wer sei er auch, sie persönlich zu verurteilen? Er verurteilt nur die "Bosheit" der indoktrinären "Theorie", für die das Paar steht. Damit macht es sich der Papst einerseits zu leicht: Indem man das verurteilt, was ein Mensch ist oder glaubt zu sein, verurteilt man den Menschen oft mit. Andererseits übersieht er, dass Homosexuelle und Transgender meist nicht an der Veranlagung oder sexuellen Identität leiden, sondern an der Nichtakzeptanz der anderen, also auch an der Nichtakzeptanz hinter der Verbindlichkeit des Papstes im Einzelfall.

All das, wogegen die Krieger wider den "Genderwahn" angehen, die geschlechtergerechte Sprache, die Schulübungen in Toleranz, die Möglichkeit zur Geschlechtsangleichung, soll, bei allen Übertreibungen, die es manchmal gibt, Leid lindern. Das will Barmherzigkeit, und die predigt Franziskus. Eigentlich.

Barmherzigkeit schert sich nicht um Institutionen, Wahrheit und das große Ganze. Sie ist wach für den Nächsten und nicht zuerst besorgt ums eigene Wohl. Barmherzigkeit stellt auch keine ethischen Forderungen. Sie ist bedingungslos. Das macht sie radikal. Deshalb tut sie manchmal weh. So und nur so schafft sie eine Atmosphäre des Lebens, gerade dem Fremden, Unbekannten und Andersdenkenden gegenüber.

Der letzte Absatz ist frei zusammengestellt aus Papst-Predigten und Wortmeldungen deutscher Bischöfe zum Jahr der Barmherzigkeit 2016.