Aber auch dort, weit oberhalb der Baumgrenze, lässt das Denken die Philosophin nicht los. Eine Seilschaft erinnert sie an den Netzgedanken von Hannah Arendt, der sie fasziniert: "Das Subjekt ist bei ihr im Kollektiv eingebunden und erscheint erst danach als einzelnes Wesen – beim Bergsteigen wird dieser Gedanke virulent."

Sie will die herrschende Ordnung nicht nur erklären, sie will sie verändern

An der Uni halten Purtschert schließlich die Freude am Denken und wegweisende Freundschaften. Heute leitet sie zusammen mit der Soziologin Michèle Amacker das Berner Zentrum für Geschlechterforschung. Dort beschäftigt sie sich mit feministischer Kritik und der kolonialen Geschichte der Schweiz.

Immer wieder richtet Purtschert ihre philosophischen Fragen an die Populärkultur. Sie schreibt über Filme, Werbung, Fotografie – oder Chasperli-Hörspiele. Über die Geschichte von Schorsch Gaggo reist uf Afrika zum Beispiel. Der Plot: Zwei tapfere Schweizerlein retten "Negerkönig Krambambuli" samt seinem "schnusigen Negermeiteli Susu" vor einem gefräßigen Löwen. Die Wissenschaftlerin zeigt in ihrer Arbeit, wie man noch 1970 in der Schweiz über Afrika dachte und das Fremde wahrnahm. Als später die eigene Tochter Schorsch Gaggo anhören will, musste sie ihre wissenschaftlichen Argumente in eine kindergerechte Sprache fassen, um zu erklären, warum sie ihr die Geschichte nicht erzählen möchte. Solche Stereotype, sagt sie, prägten ein Kind nachhaltig.

Ebenso viel geforscht hat Purtschert zur Rolle der Frau im Land. Für ihre Habilitation beschäftigte sie sich damit, wie in der Schweiz der 1930er Jahre das Ideal der Hausfrau aufkam. Tausende von Seiten in Illustrierten hat sie nach Bildern, Berichten und Werbungen abgesucht. Dabei entdeckte sie mit ihrem Forschungsteam, wie durch Darstellungen des Primitiven und Unzivilisierten eine Gegenwelt zur Sphäre der Hausfrau geschaffen wurde. Purtscherts These: Das Zurückdrängen der Frauen in die enge Welt des Häuslichen wurde den Schweizerinnen mit kolonialen Argumenten schmackhaft gemacht. Die weiße Europäerin wurde mit den scheinbar unzivilisierten Frauen des Südens kontrastiert und so zum globalen Vorbild einer modernen Geschlechterordnung stilisiert.

Die Kleine Freiheit leert sich langsam. Eine letzte Frage, Frau Purtschert: Woher dieser Ehrgeiz, dieser Wille, die Dinge umzukrempeln?

Ihr Forschungsinteresse, sagt die Philosophin, sei nicht von ihrem Lebenslauf und ihrem Geschlecht zu lösen. Mit ihrer Arbeit wolle sie die Gesellschaft egalitärer, demokratischer machen. Das Zentrum für Geschlechterforschung ist denn auch mehr als ein normales Uni-Institut. Dort treffen sich ebenso Forscher oder Studenten wie feministische Aktivistinnen – und für ihre Arbeit spannt Purtschert gerne auch mit Vertreterinnen aus der Bundesverwaltung oder NGOs zusammen.

Sie wünsche sich, sagt Purtschert zum Abschied, eine Gesellschaft, in der mehr Selbstkritik geübt werde: "Wir müssen ständig bereit sein, mit anderen auszuhandeln, was Normen bedeuten und wie sie aktualisiert oder verändert werden sollen." Dabei gehe es halt immer auch um Macht: "Die Selbstwahrnehmung in der Schweiz zeichnet das Bild einer offenen, toleranten und demokratischen Gesellschaft."

Das ist einer wie Purtschert allzu selbstgerecht.