Es ist mächtig was los in der Kleinen Freiheit in Zürich, als sich Patricia Purtschert mit ihrem Espresso unter einen Sonnenschirm setzt. Bienen und Vögel flitzen über die kleine Wiese, welche die Wirtin gerade mit ihrem Handmäher stutzt. Im ehemaligen Seecontainer, der nun eine Bar ist, dampft ein Topf mit Früchtetee.

Diese kleine Nische unterhalb der ETH ist der Ort, an dem sich die Philosophin jeweils eine Pause gönnte, als sie noch als Postdoktorandin an der Hochschule forschte. Seit diesem Februar nun ist sie Professorin für Geschlechterforschung an der Universität Bern.

Für die emeritierte Basler Philosophie-Professorin Annemarie Pieper ist Purtschert die vielversprechendste Denkerin der Schweiz.

Nicht allein, weil sie den Sprung auf einen Lehrstuhl geschafft hat. Nicht nur, weil Pieper den klugen Feminismus von Purtschert stets bewundert hat, der ausgewogen und sachlich kompetent argumentiert. Nein, für Pieper hat die jüngere Kollegin noch viel mehr geschafft: "Zwei Kinder, die Habilitation und zudem ein Buch über das Bergsteigen – das alles unter einen Hut zu bringen und sich von den patriarchalen Verhältnissen an den Universitäten nicht abschrecken zu lassen verdient hohe Anerkennung."

Zur Philosophie findet Purtschert in einer Lebenskrise. Mit 17 flüchtet sie, die als Erste in ihrer Familie ein Gymnasium besuchte, aus dem katholisch geprägten Kollegium in Schwyz. Es sei eine unglückliche Zeit gewesen, sagt sie heute. Sie habe sich eingesperrt gefühlt. Abrupt entscheidet sie abzureisen und landet im Winter 1990 in Berlin. Es ist kurz nach dem Mauerfall, die Stadt vibriert, jeder macht Kunst. Auch Purtschert malt und dichtet.

Damals entdeckt sie Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht und ist begeistert: "Ich gewann für mich die Lust am Nachdenken und Lesen. Vor allem aber entdeckte ich mein Interesse am Thema Macht." Rückblickend, sagt Purtschert, sei das der ausschlaggebende Punkt für ihre Laufbahn gewesen. Bis heute beschäftigt sie die Frage: "Was ist Macht, wie funktioniert sie, wer hat sie – und weshalb?"

Die Philosophie half ihr zu verstehen, womit sie eigentlich ringt

Für ein Jahr unterbricht Purtschert ihre Ausbildung. Sie reist in der Welt herum und arbeitet als Pflegehilfe in einer psychiatrischen Klinik. (Als sie später Michel Foucault liest, weiß sie, was der französische Philosophie meint, wenn er von Normalität und Wahnsinn schreibt.) Dann kehrt sie zurück in die Schule, diesmal ans humanistische Gymnasium Immensee . Hier liest sie Texte von Hannah Arendt und Judith Butler, zwei weiteren Philosophinnen, die ihr Leben, ihre Karriere prägen.

Aufgewachsen ist Purtschert in einem Dorf in der Innerschweiz. Es herrschten traditionelle Geschlechterrollen. Der Mann verdient das Geld, die Mutter bleibt zu Hause bei den Kindern. Die feministische Philosophie hilft Purtschert zu verstehen, womit sie eigentlich ringt. "Mir war schon immer klar, dass Menschen sehr unterschiedlich positioniert sind und dass die Möglichkeit, wie sie ihr Leben gestalten können, stark von ihrer Ausgangslage abhängt", sagt sie. Beauvoir zeigt ihr, wie Frauen auf ihr Weiblichsein festgelegt und schon sehr früh in ihre entsprechenden Rollen eingespurt werden. Bei Judith Butler liest sie, wie man diese Kritik weiterdenkt und die Amerikanerin den Grundstein für die Diskussion um die soziale Norm der Heterosexualität legt.

Ein paar Jahre später, sie hat ihr Studium an der Uni Basel eben abgeschlossen, kann Purtschert die Gender-Ikone als Co-Referentin für ihre Doktorarbeit gewinnen. Zwei Jahre verbringt die Nachwuchsforscherin an deren Institut in Berkeley. "Bis heute ist Butler für mich persönlich die einflussreichste Philosophin geblieben."

An der Universität erlebt Purtschert immer wieder schwierige Momente. Die Wissenschaftskultur sei sehr patriarchal, sagt sie. Von Konferenzen, in denen nur Männer als Redner aufgelistet seien, bis hin zum intellektuellen Schlagabtausch, in dem eine ruhige und bedächtige Art untergehe. "Es war entmutigend und frustrierend, aufgrund meines Geschlechtes immer wieder nicht gehört und wahrgenommen zu werden", sagt die 43-Jährige.

Nicht selten denkt sie daran, auszusteigen und die akademische Welt hinter sich zu lassen. Ausgleich findet sie bis heute beim Bergsteigen. "Bei Hochtouren ist man wie durch eine Nabelschnur auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden. Mehrmals bin ich in eine Gletscherspalte gefallen und kam nur mit Hilfe meiner Freundinnen wieder heraus."