DIE ZEIT: Herr Steinbrück, vor vier Monaten haben Sie gesagt: "Ich kann die Debatte um den angeblichen Kulturwandel bei deutschen Banken nicht mehr hören." Sie haben die Macht der Banken immer wieder scharf kritisiert. Nun verlassen Sie die Politik – und gehen ausgerechnet zu einer Bank. Wie passt das zusammen?

Peer Steinbrück: Das passt durchaus, weil diese Bank eine lange sozialdemokratische Tradition hat. Ich werde ein Angebot der ING-DiBa annehmen, als Berater des Vorstandes. Die DiBa wurde von Georg Leber 1965 als Bank für Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand mit gegründet. Hans Matthöfer und später Helmut Schmidt standen dieser Bank sehr nahe. Alle drei waren Sozialdemokraten. Die Bank war in keine der in Rede stehenden Verfehlungen oder Manipulationen verwickelt, sie ist sehr konservativ und risikoscheu. Zu meiner Kritik, von der Sie sprechen, stehe ich allerdings nach wie vor. Aber ich zweifle nicht daran, dass wir eine Landschaft wettbewerbsfähiger Finanzdienstleister in Deutschland brauchen, die unserer starken Realwirtschaft entsprechen.

ZEIT: Sie arbeiten nun also für eine dieser Großbanken, die systemrelevant sind, also auch systemriskant. Da kann immer etwas schiefgehen. Können Sie mit der Verantwortung gut umgehen?

Steinbrück: Ja. Weil diese Bank ein anderes Geschäftsmodell hat als Banken, die ich kritisiert habe.

ZEIT: Wir verstehen ja die Tradition des deutschen Teils der Bank, aber die Mutter ist eine internationale Bank, die Aktionären verantwortlich ist und in der Finanzkrise auch Staatshilfe erhielt. Was also macht diesen niederländischen Bankkonzern zu einer guten Bank?

Steinbrück: Sie beteiligt sich an einer Reihe von Geschäften nicht. Prinzipiell.

ZEIT: Zur Deutschen Bank wären Sie nicht gegangen?

Steinbrück: Das stand nie in Rede. Aber das hätte ich dann nicht mit meinen Ansprüchen vereinbaren können, wenn der Vorwurf zuträfe, dass die Deutsche Bank auf eine bankintern akzeptierte Weise – und nicht nur durch sich als Raubritter in den Handelsräumen aufspielende Einzelkämpfer – in eine Reihe von dubiosen Geschäften verwickelt gewesen ist. Siehe Libor, siehe Goldkurse, siehe Wechselkurse, siehe Cum-Ex-Geschäfte.

ZEIT: So nennt man das möglicherweise illegale und sicher unfeine Ertricksen von Steuerrückzahlungen bei Kapitalerträgen. Sollte so ein Vorwurf gegenüber der ING Group publik werden – wäre das für Sie ein Grund auszusteigen?

Steinbrück: Das wäre jedenfalls ein Grund, sofort zur Sprache zu bringen, was da gewesen ist.

ZEIT: Ihre neue Bank streicht jetzt 7.000 Stellen ...

Steinbrück: So viele Stellen hat die ING-DiBa gar nicht. Die Zahlen beziehen sich auf Belgien und die Niederlande. In ihren Stammländern ist die ING Group mit vielen Filialen noch traditionell aufgestellt – und dort wird auf sozialverträgliche Weise Personal abgebaut.

ZEIT: Was will denn die deutsche Tochter ING-DiBa nun von Ihnen?

Steinbrück: Sie möchte gerne wissen, wie ich die Entwicklung der Finanzmärkte beurteile, nicht nur in Deutschland, sondern auch europäisch. Was ist eine nach wie vor notwendige Regulierung, und was schießt über das Ziel hinaus?

ZEIT: Gibt es das schon im Finanzsektor, Überregulierung?

Steinbrück: Es gibt vielleicht falsche Regulierung. An funktionierenden Finanzmärkten sollte allen gelegen sein. Es geht bei der künftigen Arbeit um Analysen, Beratungen, Einschätzungen, insbesondere auch mit Blick auf neu auftretende Finanzdienstleister. Welche Veränderungen des Marktes unter welchen politischen Rahmenbedingungen zeichnen sich ab, wo kann ich beratend nützlich sein jenseits des operativ verantwortlichen Managements?